Welt : Rituale der Pilgerfahrt

Kein Ereignis ist für das internationale Bewusstsein des Islam so prägend wie das jährliche Großtreffen in Mekka

Martin Gehlen

Die offizielle Pilgerfahrt nach Mekka findet im islamischen Monat „Hajj“ statt und gehört zu den fünf Grundpflichten jedes Muslims. Früher hatten die Beter wochenlange Reisen per Schiff und mit Kamelkarawanen hinter sich, bevor sie in Mekka eintrafen. Heute kommt die Millionenschar mit Jumbo Jets und Airbussen, die zu Beginn der Festtage im Minutentakt auf dem riesigen Flughafen von Dschidda eintreffen. Bevor die Pilger das heilige Gebiet in Mekka betreten, müssen sie sich in einen Zustand der Weihe versetzen. Dazu legen sie ein Pilgergewand an, welches aus zwei weißen Tüchern besteht, von denen eins an der Taille befestigt, das andere über die Schulter gelegt wird.

Am 7. Tag des Hajj-Monats beginnen die eigentlichen Rituale. Siebenmal umkreisen die Beter die Kaaba, das zentrale Heiligtum im Hof der Moschee von Mekka. Sie ist ein würfelförmiger Bau aus grauen Gestein und gilt im Islam als Mittelpunkt der Welt. Nach der Überlieferung soll sie von Abraham errichtet worden sein. Ein siebenfacher Lauf schließt sich an zwischen Safa und Marwa – zwei kleinen Anhöhen, deren Namen die Bedeutung „Reinheit“ und „Mannestugend“ tragen. Damit die Pilgermassen dieses Ritual überhaupt vollziehen können, sind die knapp 400 Meter voneinander entfernten Hügel heute durch einen zweigeschossigen, vollklimatisierten Gang miteinander verbunden.

Globale Gemeinschaft

Nach einer Predigt in der Großen Moschee verlassen die Pilger dann am 8. Tag des Hajj-Monats die Stadt und machen sich auf den Weg nach Arafat, einer Ebene rund 20 Kilometer östlich von Mekka. Auf halbem Weg übernachten sie in Mina, wo sie ihre Kleidung deponieren können. In der Ebene von Arafat verweilen die Pilger dann vom Mittag des 9. Tages an bis zum Sonnenuntergang und hören die Hauptpredigt. Die weite Ebene, an deren Ende der „Berg der Barmherzigkeit“ liegt, ist an diesem Tag mit Zehntausenden von Zelten bedeckt. Denn das Verweilen in Arafat, was am letzten Sonnabend stattfand, ist das eigentliche Zentrum der Pilgerfahrt. Nach einer Legende hat der Berg Arafat seinen Namen daher, dass Adam und Eva sich hier wiedererkannten („ta’arafa“), nachdem sie bei der Vertreibung aus dem Paradies getrennt worden waren.

Sofort nach Sonnenuntergang des 9. Tages laufen die Pilger dann in der Dunkelheit so schnell wie möglich nach Muzdalifa, um dort zu übernachten. Am Morgen des 10. Tages kehren sie nach Mina zurück. Dort wirft dann jeder Fromme sieben Kiesel, die er unterwegs gesammelt hat, auf eine Steinstele, was die Steinigung des Teufels symbolisieren soll. Bei diesem Ritual kam es am Sonntagvormittag zu der Massenpanik.

Nach der „Steinigung“ lassen sich die Männer den Kopf rasieren und die Frauen etwas Haar abschneiden – damit ist der Weihezustand der Pilger beendet. Nach einem Abschiedszeremoniell verlassen die Pilger Mekka und fahren nach Hause. Kein Ereignis ist für das internationale Bewusstsein des Islam so prägend wie dieses jährliche Großtreffen. Muslime aus aller Welt erfahren sich als eine globale Gemeinschaft und erleben die Tage als wichtige spirituelle Erfahrung. Nach der Rückkehr werden die Pilger in ihren Heimatorten besonders geehrt, oft bemalen Nachbarn ihre Häuser mit Bildern der heiligen Stätten. Ein Muslim, der die offizielle Pilgerfahrt nach Mekka absolviert hat, darf fortan den Ehrentitel Hajj tragen, eine Muslimin wird Hajja genannt.

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