Welt : "Roadwork vol 2": Orkan, psychedelisch

Nicholas Körber

Es gehört zu den Unsitten des Pop, dass viele seiner Protagonisten sich am Karriereende berufen fühlen, das Fach zu wechseln. Wenn künstlerisch und finanziell nicht mehr viel zu hoffen ist, wird in anderen Revieren gewildert. So sind Brecht-Weillsongs ein bevorzugtes Opfer alternder Rockstars. Oder man flüchtet in die klassische Orchestrierung wie Metallica. Solche Vorwürfe treffen auf das jüngste Livealbum von Motorpsycho - "Roadwork vol. 2: The MotorSourceMassacre" - nicht zu. Denn als sie 1995 auf dem Kongsberg Jazzfestival gemeinsam mit der Trondheimer Free-Jazz-Band The Source und dem gleichfalls aus Norwegen stammenden Elektronik-Act Deathprod spielten, befanden sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Nach mittlerweile 10 Alben, zahlreichen Maxis und diversen Soloprodukten gelten Motorpsycho immer noch als feste Größe im Gitarren-Underground. Eigenen Aussagen zufolge entspringt der Ausflug in den Jazz keiner langjährigen Auseinandersetzung, sondern ihrer Offenheit für Neues. Diese Aufgeschlossenheit führte die drei Norweger sogar schon auf Country-Festivals.

Dass sie das Material erst jetzt veröffentlichen, mag man der 1999 begonnenen Roadwork-Reihe zuschreiben. Während ihre erste Live-CD "Roadwork vol. 1: Heavy Metal Is A Pose, Hard Rock Is A Lifestyle" harte Klänge bot, kommt auf "Roadwork vol. 2" der experimentelle Charakter von Motorpsycho voll zur Geltung.

Die ersten beiden Tracks - Songs wäre das falsche Wort - wirken wie Visitenkarten: "Olemanns Kornett" ist eine halbe Minute Free Jazz von The Source. Zum Rhythmus des klirrenden Beckens als einzigem Perkussionsinstrument streben alle Solisten in verschiedene Richtungen. Dann bricht Motorpsychos "Grindstone" schroff dazwischen. Heavyrockklänge zu schwerem Bass und psychedelischen Effekten, darüber Bent Saethers gepresste Stimme. Ein klassischer Rocksong, der sich jedoch alsbald mit den Free Jazz-Bläsern auseinandersetzen muss.

Die große Pose des Rock trifft auf das Kapriziöse des Jazz. Das Geradlinige, Aggressive, Theatralische auf das Irritierende, Nervöse, Komplexe. Weil nicht elektronisch verstärkt und verzerrt, werden die Jazztöne nur so lange gehalten, wie der Musiker sie spielt. Es gibt Pausen dazwischen, Löcher in der Musik. Die Elektrizität im Rock wirkt hingegen wie ein Schmelztiegel, in dem die Elemente zu einem Soundbrei gerührt werden. In diesen will man eintauchen und alles andere vergessen, aber die eingestreuten Jazzpartikel ringen dem Zuhörer immer wieder Konzentration ab.

Während sich die elektronischen Effekte von Deathprod unmittelbar mit Motorpsychos Hang zum Psychedelischen verbinden, erfordern die herkömmlichen Instrumente Kompromisse. Das nuancenreiche Spiel der Bläser kann nur dann auf dem von Bass, Schlagzeug, Gitarre und Halleffekten ausgerollten Klangteppich zur Geltung kommen, wenn die rockige Begleitung leise gespielt wird - ein Widerspruch in sich. Als irgendwann während der 22-minütigen Soundcollage "The Wheel" die Gitarre anfängt, den Rhythmus anzutreiben und gemeinsam mit dem schneller und härter werdenden Schlagzeug Spannung aufbaut, zeigen sich die Unvereinbarkeiten. Alles drängt nach ekstatischer, und das heißt im Rock: lautstarker Entladung. Den hektischer werdenden Disharmonien der Bläser fällt dann die Aufgabe zu, Enttäuschungen des Zuhörers aufzufangen, indem sie vom treibenden Beat ablenken. Denn es kann nicht zum Energieausbruch kommen, auch wenn die Hörerwartungen des Rock ihn herbeisehnen. Denn dieser würde die Kollegen von der Jazzkapelle sofort verschlucken.

Motorpsycho liegt dieser Verzicht auf das Spektakuläre. Immer schon lagen ihre Stärken im Wegdriften und Sichverlaufen: in monotonen Riffs und der endlos anmutenden Wiederholung psychedelischer Soundeffekte. Gerade bei ihren Liveauftritten verschwimmen die Songstrukturen in langen Improvisationen. Davon gibt es auf "Roadwork vol. 2" viele, ansonsten wird die Live-Atmosphäre fast ganz ausgeblendet. Die Musik, nicht das Ereignis wird dokumentiert. Dadurch wird der Charakter des Experiments zusätzlich betont.

Dass dieser die ganze Zeit erhalten bleibt, ist spannend und enervierend zugleich. Die Frage nach der Verträglichkeit will beim Hören nicht verstummen. Denn anders als beim stilistischen Crossover innerhalb des Pop, gehen hier nicht nur die musikalischen Mittel auseinander, sondern auch die Ziele.

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