Roald Dahl : Küsschen, Küsschen – im Auftrag seiner Majestät

Der britische Erfolgsautor Roald Dahl spionierte für den Geheimdienst einflussreiche Frauen aus.

Andrea Dernbach

London - Seine bissigen und von schwarzem Humor getränkten Kindergeschichten kaufen unerschrockene Eltern in aller Welt bis heute. Doch Roald Dahl („Matilda“, „James und der Riesenpfirsich“) soll nicht nur als Autor ein Könner gewesen sein. Eine neue Biografie, aus der die Londoner „Sunday Times“ vorab berichtet, behauptet, dass der Brite im Zweiten Weltkrieg auch Erfolg als Spion Seiner Majestät des Königs hatte – vor allem in den Schlafzimmern einflussreicher Amerikanerinnen.

Der witzige und charmante Dahl, dem die Frauen angeblich zu Füßen lagen, hatte demnach geheimdienstlich nicht unbedeutende Affären unter anderem mit der Erbin des Ölriesen „Standard Oil“ Millicent Rogers und der konservativen Kongressabgeordneten Clare Boothe Luce, die zudem mit dem Gründer des „Time Magazine“ verheiratet war und deren entschiedene Abneigung gegen den britischen Premier Churchill Londons diplomatischem Dienst Sorgen machte. Dahls Biograf Jennet Conant, dessen Buch am kommenden Dienstag erscheinen wird, zitiert die Tochter von Dahls engstem amerikanischen Freund Charles Marsh mit den Worten: „Ich vermute, er hat mit jeder Frau beider US-Küsten geschlafen, die mehr als 50 000 Dollar im Jahr hatte.“ Das muss nicht immer ein reines Vergnügen gewesen sein: Über die Anstrengungen dreier Nächte in Folge mit der 13 Jahre älteren Boothe Luce soll er sich bei Freunden beklagt haben.

Die Amouren von „Britains sexiest spy“ waren hochpolitisch. Die Freundschaft mit Marsh, einem anglophilen texanischen Zeitungsmagnaten, habe Dahl wichtige Türen in Washington geöffnet. Das gesellschaftliche Geschick von Dahl wiederum, der nach einem Unfall die Royal Air Force verließ und 1942 an die britische Botschaft in Washington versetzt wurde, sei dem Agentenführer einer geheimen britischen Initiative aufgefallen, die helfen sollte, die Amerikaner in den Krieg gegen Hitlerdeutschland zu ziehen – was Ende 1941 geschah. Auch der spätere James-Bond-Autor Ian Fleming soll Teil des Netzes von High-Society-Spionen gewesen sein. Und tatsächlich kam Dahl, so sein Biograf, an einige kriegswichtige Dokumente und Informationen und stand unter anderem in Kontakt mit Präsident Roosevelts isolationistischem Vize Henry Wallace.

Bekannt wurde Dahl wie Kollege Fleming schließlich doch noch als Schriftsteller, auch schwarzer Kurzgeschichten für Erwachsene („Küsschen, Küsschen“), und nicht als männliche Mata Hari. Anscheinend nutzte er die Pausen zwischen seinen Dinners und Verabredungen gut. Die Sunday Times erinnert an sein erstes Kinderbuch „Die Gremlins“. Es erschien schon 1943 und handelte vom Pech der Piloten der Royal Air Force.

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