Rom : "Ach, ich hab ihn doch nur..."

Sommertheater in Rom: Ein Kuss von Schwulen erregt Italiens Hauptstadt. Die Polizei spricht von einem obszönen Akt.

Paul Kreiner

Rom - Warm sind die Sommernächte in Rom. Man flaniert, man trinkt, man flirtet, hält Händchen, man schnäbelt, züngelt, streichelt – bis die aufgeblendeten Scheinwerfer eines Polizeiautos die samtene Dunkelheit zerfetzen und einem statt der Sterne die Neonlichter der nächsten Kaserne heimleuchten.

„Wir haben uns doch nur geküsst, dort vor dem Kolosseum“, beteuern Roberto und Michele. „Unfug“, entgegnen die Carabinieri, „die beiden haben in aller Öffentlichkeit einen obszönen Akt vollführt. Strafanzeige nach Paragraf 527 Strafgesetzbuch.“ Ein Kuss als obszöner Akt? Seit Michele und Roberto bei der Schwulenorganisation Arcigay diese „unglaubliche Diskriminierung Homosexueller“ gemeldet haben, ist etwas ausgebrochen, was man auf Italienisch „finimondo“ nennt: der Heidenlärm des bevorstehenden Weltuntergangs.

Das Drehbuch des Sommertheaters läuft brav entlang üblicher Schablonen: Linke Politiker hacken auf die „exzessive, bigotte“ Polizei ein, erwarten „eine Entschuldigung“ für die „Hexenjagd auf Schwule“. Rechte dagegen nehmen sich die „Gays“ vor: Sie verletzten das Schamgefühl der Gesellschaft und zersetzten deren Werte; die Carabinieri hätten nur ihre Pflicht getan, es dürfe „für Schwule keine rechtsfreien Zonen“ geben.

Im Getöse ist völlig untergegangen, was Roberto und Michele wirklich getan haben. Michele räumt ein, „die Brust meines ragazzo“ sei ins Spiel durchaus einbezogen gewesen, und die Carabinieri lassen durchblicken, dass es auch dabei wohl kaum geblieben ist. „Einen Kuss akzeptieren wir“, sagt Revierkommandant Alessandro Casarsa, „wir wissen schon, dass die Straße zwischen Kolosseum und Lateranbasilika als ,Gay-Street‘ bekannt ist, und wir verspüren keinen Drang zum Moralisieren. Aber eine derart offene und unzweideutige Obszönität hätten wir auch bei jedwedem heterosexuellen Paar anzeigen müssen.“

Wie auch immer: Aus Protest gegen die „Diskriminierung“ haben Roms Schwulenverbände zu einem allgemeinen Massenküssen eingeladen – vors Kolosseum natürlich. Und weil sie sich, voller Eifersucht aufeinander, nicht über einen gemeinsamen Termin verständigen konnten, wird wohl gleich zweimal protestgeknutscht: nach dem gestrigen Sonntagabend auch noch mal am kommenden Donnerstag. Paul Kreiner

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