Welt : Roman: Und sie flogen wie die Schwalben fort

Carsten Hueck

Hemingway meinte, eine unglückliche Kindheit sei das größte Kapital eines Schriftstellers. Das heißt nicht zwangsläufig, dass er auch damit umgehen kann. Mitunter aber gelingt das Erzählen davon in in zeitloser, beglückender Weise. 1937 erschien der zweite Roman des Amerikaners William Maxwell "Sie kamen wie die Schwalben". 1997 in den Staaten wiederaufgelegt, ist er nun ins Deutsche übertragen und genau dies: zeitlos und beglückend. Ein Roman der kleinen Gesten. Maxwell erzählt klar, übersichtlich und schnörkellos. Äußerlich passiert wenig, vor allem nichts Spektakuläres. Selbst der Tod, das einzige, das entscheidende Ereignis des Romans, findet ungesehen statt - die Erschütterung wirkt tief.

1918, William Maxwell war zehn Jahre alt, starb seine Mutter an Spanischer Grippe. Der Vater, emotional zuvor schon nicht erreichbar, verkaufte das Haus, die Familie brach auseinander. Der Schmerz des Kindes über das Ende der Geborgenheit und die Gleichgültigkeit der Welt wurde Maxwells literarisches Leitmotiv. Immer wieder beschreibt er den Zustand der Verlorenheit und Trennung.

Eine Kleinstadt in der amerikanischen Provinz. Hier leben James und Elizabeth Morison mit ihren Söhnen. Bunny ist acht, Robert dreizehn Jahre alt. Morgens riecht es im Haus nach Speck, und das Feuer im Kamin knistert. Mit dem Vater wird Hausmusik gemacht, er spielt Klavier, die Söhne trommeln. Dem Aufeinanderhören sind natürliche Grenzen gesetzt, dennoch ist es nicht ungemütlich. Elisabeth näht Windeln. Der Erste Weltkrieg geht zu Ende, und die Familie erwartet das dritte Kind. Auf dem Kamin tickt eine Messinguhr, im Flur eine Standuhr, Zeitunterschied fünf Minuten. Was sich ausnimmt wie eine pittoreske Nebensächlichkeit, ist kalkulierter Defekt. In Maxwells Roman sprechen die Dinge. Sie erscheinen magisch, weil er sie zwar in der dritten Person, doch aus Perspektive der Kinder beschreibt. Der Alltag mit seinen Verrichtungen und Begegnungen erscheint in einer reichen Sprache, zu der auch Gerüche, Stimmen und Geräusche gehören. Staunend tritt der erwachsene Leser in die eigene Kindheit zurück und wird an die realitätsformende Macht der Phantasie erinnert.

"Sie kamen wie die Schwalben" ist in drei Kapitel aufgeteilt. In jedem ist der erzählerische Focus auf einen der Morison-Männer gerichtet. Zentrum ihrer Aufmerksamkeit und magnetischer Pol der drei ist jedesmal Elizabeth. Sie ist die stärkste Persönlichkeit, diejenige, ohne die das Familiengeflecht auseinanderfiele. Wie Kompassnadeln richten sich die drei Männer, jeder für sich, nach ihr aus. Nach einem Gedicht von W. B. Yeats gibt sie dem Roman seinen Titel. Maxwell stellt es voran: "Sie kamen wie die Schwalben und flogen wie die Schwalben fort / Und doch machte das starke Wesen einer Frau / Dass eine Schwalbe nicht ihr Ziel verlor / Und eine Schar von einem halben Dutzend dort / Die scheinbar ohne Richtung wirbelnd in den Himmel stieg / fand im träumenden Raum sicheren Weg und Ort..." Maxwell huldigt diesem starken Wesen, die Mutter und Ehefrau, Schwester und Nachbarin, und bei allem sie selbst ist. Sie lebt "ganz nach dem Diktat ihres Herzens". So charakterisiert Maxwell im Vorwort des Romans auch die eigene Mutter. Bunny und Robert stehen in unausgesprochener Konkurrenz um die Liebe Elizabeths. Der jüngere Bunny ist ihr erklärtes "Engelskind", scheu, verträumt und unselbstständig. Robert hingegen treibt Sport und geht gerne eigene Wege. Er wirkt robust. Seit einem Unfall trägt er eine Beinprothese. Sie ist Requisit seines Alltags, wie der alte Hund auf der Veranda und das Fahrrad im Schuppen. Der Umgang mit ihr ist selbstverständlich, nie jammert Robert.

Eines Tages fallen seine Spielzeugsoldaten vom Schrank und zerbrechen. In seiner Reaktion wird deutlich, wie sehr ihn sein eigenes "Gebrechen" tatsächlich verletzt. Er klebt die abgebrochenen Glieder in mühevoller Arbeit wieder zusammen. Er weiß, auch wenn seine Soldaten danach schief stehen, werden sie nie wieder heil sein. So erzählt Maxwell, quasi über Bande, vom Seelenleben der Figuren. Sein Romanbeschreibt immer dasselbe: der Mensch ist allein, die Welt gleichgültig. Bei Maxwell erfahren das schon die Kinder. Als Elizabeth überraschend und in kürzester Zeit an der Spanischen Grippe stirbt, werden die Jungen zu Männern, und James, der Mann wieder zum Kind. Es ist zum Heulen. Aber allein dass es einer beschreibt, tröstet.

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