Welt : Romantik royal

Der spanische Kronprinz Felipe hat seine Letizia Ortiz geheiratet. Sie trug ein Kleid, an dem nur nachts gewebt wurde

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Spanien ist nun mal nicht Dänemark. In Kopenhagen konnte man nach der Hochzeit im offenen Wagen durch die Stadt fahren. In Madrid ging das nicht. Sintflutbedingt. In Kopenhagen kam man sogar trocken in die Kirche, in Madrid hatten die ersten Gäste die besten Chancen. Das ist natürlich ungerecht, denn was ist eine Hochzeit? Ein nicht ganz unaufwändiges Arrangement rings um ein Brautkleid.

Alles kennt man vorher. Die Braut, den Bräutigam, die Eltern, die Gäste. Bei adeligen Hochzeiten ohnehin, schließlich ist man miteinander verwandt. Nur eine einzige große Unbekannte gibt es: das Brautkleid. Von ihm wusste man vorher eigentlich nur, dass ein großer alter spanischer Modeschöpfer es entworfen hat. Gewebt wurde es in einer großen alten spanischen Seidenweberei, aber nur nachts, aus Geheimhaltungsgründen. Und dass es lange Ärmel haben würde, hat sein Schöpfer auch schon verraten.

Eigentlich glänzt so ein Brautkleid nur einen Vormittag. Und es hat nur einen Weg: in Letizias Fall den vom Madrider Schloss in die Kirche gegenüber. Auf einem roten Teppich. Nur für solche Parcours eignen sich vier Meter 50 lange Schleppen. Weiß auf Rot. Und bitte keine Kurven! Dieser Auftritt blieb dem Madrider Brautkleid versagt. Dabei war er so gut vorbereitet. Denn das Unterereignis einer Hochzeit sind natürlich die Kleider der Gäste. Fast alle haben es gemessenen Schrittes zu Fuß über den Teppich in die Kathedrale geschafft. Bis auf die Braut.

Da der Einzug der Gäste schon mit zur Hochzeit gehört, begann das Fernsehen auch schon kurz nach neun Uhr mit seiner Liveübertragung, obwohl da die meisten Angehörigen des europäischen Hochadels bestimmt noch Frühstück gegessen haben. Ein Nachteil des Adeligseins ist es, dass man nicht kommen kann, wann man will. Und wer legt eigentlich fest, wer der Erste ist, der losgeht und nachher fast eineinhalb Stunden warten muss? Daraus ergibt sich schon der zweite Nachteil des Adeligseins: Adeligsein heißt Warten-Müssen. Die Briten zum Beispiel waren schon recht früh da, so kurz nach zehn. Etwas später kamen ein paar saudische Prinzen. Die ARD-Korrespondenten hatten sich einen Urenkel des letzten deutschen Kaisers als Sachverständigen geholt. Man glaubt immer, es sei gar nichts Besonderes mehr, Urenkel eines längst entschwundenen Kaisers zu sein, aber wen könnte man sonst einigermaßen sinnvoll fragen: Sind Sie eigentlich mit dem Bräutigam verwandt? Und der Urenkel antwortet, als habe er selten eine so dumme Frage gehört: Ja, natürlich! – Letztlich steht die spanische Königin dem letzten deutschen Kaiser auch nicht näher und nicht ferner als er. „Es ist viel preußisches Blut in der spanischen Krone.“

Nur dass Kommentator Prinz Franz Wilhelm von Preußen überhaupt nicht wie ein Spanier aussieht, eher wie ein germanischer Bauer. Breit und kräftig und unglaublich direkt. Er spricht auch so. Andere erklären mit Vibrationen in der Stimme, dass Spanien 98 Jahre lang nicht eine so große Hochzeit hatte, der Prinz sagt nur: „Gesunde Kinder sind doch das Wesentliche an der Sache.“

In der letzten Woche in Dänemark kamen die Frauen alle in langen Kleidern. Diesmal tragen sie halblang. Das liegt an den Kleidervorschriften. Mary und Frederik haben nachmittags geheiratet, aber weil Konprinz Felipe und Letizia Ortiz vormittags heiraten, gilt das „Morning Dress“. Nur die Königin von Jordanien scheint nichts vom Protokoll gewusst zu haben und erscheint in Bluse und langem lila Rock. Caroline von Monaco kam ohne Prinz Ernst August. Direkt hinter der aus dem Protokoll gefallenen Königin von Jordanien schreitet Johannes Rau. Nelson Mandela musste auch nach Madrid fliegen, obwohl der 87-Jährige nicht mehr so gern verreist. Aber seine Frau mag Hochzeiten. Sie alle kommen noch zu Fuß. Und Mandela ist einer der wenigen Herren in Zivil.

Denn im Grunde gleicht so eine adlige Hochzeit ein wenig einer paramilitärischen Versammlung, und die Männer sehen alle aus wie Korvettenkapitäne. Sie tragen bänder- und ordensübersäte Uniformen, nur weil sie einst die militärischen Souveräne ihrer Länder waren. Allerdings mussten sie die Orden meist nicht selber verdienen. Man erbt sie, so wie der belgische König das Goldene Vlies, einen der höchsten Orden überhaupt, geerbt hat.

Die Damen erben dafür Schmuck. Aber eigentlich sind sie nur Zwischenträgerinnen. Als noch niemand wusste, welches Diadem Letizia tragen würde, war eines bereits sicher: Es gehört ihr nicht. Wer sonst muss zu seiner Hochzeit in Leihschmuck gehen? Als alle in der Kirche sind, macht der Himmel über Madrid ernst. Keine Chance für Letizia. Sie lächelt tapfer durch eine Autoscheibe. Denn es ist nicht einfach, sich mit einer über vier Meter langen Schleppe eine Autorückbank zu teilen. Das Fernsehen verzichtet taktvoll auf Bilder von der Schleppenneuordnung auf den Kirchenstufen. Zwei Brautjungfern greifen beherzt nach den Zipfeln. Eine Moderatorin formuliert die Aufgabe so: Brautjungfern sorgen dafür, dass die Schleppe ihr Ziel erreicht. Die Schleppe? Die Prinzessin als Anhängsel ihrer Schleppe, als Inhalt eines Kleides? Es ist wirklich sehr schön. Mit goldbesticktem Kaminkragen. Aber sein Weg durch die Welt ist kurz. Kein Strahl Sonne hat seine Goldfäden bis jetzt berührt.

Als der Elitetaucher der dänischen Marine, Kronprinz Frederik, vor einer Woche seine Braut in der Kirche erblickte, musste er fast weinen. Seine Braut auch. Als Kronprinz Felipe seine Braut erblickt, immerhin mit viertelstündiger Verspätung wegen des Regens wirkt er höchstens etwas erleichtert. Beide tragen die Gesichter hochgeschlossen, sie lächelt ein bisschen schöner als er, aber beide nur andeutungsweise. Wer wird sich denn so gehen lassen wie diese Menschen aus dem hohen Norden!

Kennern der Materie war der Kuss nicht groß genug. Vielleicht hätte Letizia ihrer Mutter ein anderes Kleid empfehlen sollen. Sie trägt Signalfarbenrot wie sonst nur die dänische Königin. Und die große rote Schleife auf ihrem Kopf hat dasselbe Rot wie auf der Kopfbedeckung des Kardinals. Die Auch-Preußin Königin Sofia hat das Musikprogramm ausgesucht. Viel Mozart, Händel und Bach zwischen alter spanischer Musik. So eine Hochzeit ist natürlich eine Sternstunde der Architekturfotografie. Auch wenn der europäische Hochadel als Gruppe aussieht, als wollte er zum Pferderennen und nicht zum Gottesdienst. Viel Lindgrün und Pink. So bunt sind die Kirchenbänke sonst nie.

Als Letizia Ortiz aus der Kirche heraustritt, hat sie nur noch einen Vornamen. Sie ist jetzt Prinzessin. Da muss ein Vorname reichen. Frederik und Mary sind nicht da. Sie sind dort, wo das Wetter besser ist. Auf Hochzeitsreise.

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