Welt : Rotbäckchen in Bagdad

Schon Saddam Hussein schätzte den Rosinensaft in der traditionsreichsten Bar der Stadt. Die Iraker versprechen sich von dem Trunk Wunderkräfte

Susanne Fischer[Bagdad]

Manchmal können Wände sprechen. Wer genau hinsieht, entdeckt Geschichten aus einer fernen Zeit, von verwehtem Ruhm. In der „Haaj Zbala Saftbar“ in Bagdad erzählt ein kleiner heller Fleck inmitten einer umfangreichen Fotogalerie von einem, dessen Gunst man einst erstrebte, heute aber lieber verschweigt: „Das Foto von Saddam Hussein beim Trinken unseres Saftes haben wir nach dem Einmarsch der Amerikaner abgehängt", sagt Raed Sahwkat, der Kassierer in dem Ausschank in der Raschidstraße im Altstadtviertel von Bagdad. „Aber er war ein großer Freund unseres Rosinensafts. Als er 1963 nach dem Anschlag auf den damaligen Herrscher Qasim im Gefängnis saß, kam jede Nacht ein Freund von ihm vorbei und holte ihm einen Liter Saft.“ Das letzte Mal persönlich sei Saddam in den späten siebziger Jahren hier gewesen.

Kolonialherren, Könige, Diktatoren – die „Haaj Zbala Saftbar“ hat viele Herrscher kommen und gehen sehen. Im Jahr 1900 von Abdul Ghafur Abdul Sahib gegründet, wird sie bis heute als Familienbetrieb geführt, inzwischen in der dritten Generation. Anfangs verkaufte „Haaj Zbala“ seinen Saft an der Märtyrerbrücke über den Tigris, 1912 zog er in den Laden in der Raschidstraße, wo die Saftbar noch heute liegt. Ein Fixpunkt in der bewegten Geschichte der Stadt: Wenn in diesen Tagen frisch zurückgekehrte Exiliraker nach 20, 30 Jahren im Ausland zum ersten Mal wieder durch die Raschidstrasse gehen und entdecken, dass es „Haaj Zbala“ immer noch gibt, weinen sie vor Freude.

Nur ein einziges Mal in ihrer langen Geschichte hatte die Bar geschlossen – als während des Iran-Irak-Kriegs eine Zeit lang der kommerzielle Gebrauch von Zucker verboten war. Nach dem Großvater übernahm der Sohn, dann der Enkel das Geschäft, Zbala selbst starb 1998. Der Laden blühte – und das, obwohl „Zbala“, der Rufname des Gründers, übersetzt Müll bedeutet. Schuld daran hate ein irakischer Aberglaube: Wenn Eltern nur Töchter bekommen und die Hoffnung auf einen Sohn schon fast aufgegeben haben, geloben sie für den Fall, dass sie doch noch einen bekämen, ihm einen hässlichen Namen zu geben. Als einziger Sohn nach vielen Töchtern wurde Abdul also auf den Namen Müll getauft.

Verkauft wird bei „Haaj Zbala“ seit 104 Jahren nur ein einziges Getränk: Rosinensaft. Das Rezept ist geheim, verraten wird nur soviel: Die Rosinen kommen aus Kurdistan, werden eingeweicht, gemahlen und mit Wasser und Zucker zu einem dunkelroten, süßen Saft verarbeitet, dem die Bagdader wahre Wunderkräfte nachsagen. „Der Saft ist für mich die beste Medizin“, sagt einer der Kunden am Tresen, „Herz und Magen danken mir jedes Glas.“ Ein Plakat vor der Saftbar preist ebenfalls die angeblich heilende Wirkung: Eine Studie der Universität Los Angeles habe ergeben, dass der Saft das Risiko von Herzinfarkt und Gehirnschlag mindere und gegen Kopfschmerzen besser helfe als Aspirin.

An den Wänden von Zbalas Saftbar mögen die Portraits der Großen und der Mächtigen hängen, vor allem aber ist dies ein Platz der kleinen Leute. 250 Dinar, umgerechnet etwa 15 Cent, kostet das 0,3-Liter-Glas, das kann sich sogar die Bettlerin leisten, die eben noch mit lautem Wehklagen den Passanten Kleingeld aus der Tasche leierte. Von der anderen Flussseite, nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt, tönt der dumpfe Klang einer Mörsergranate herüber. Dort liegt die „Greenzone“, das Hauptquartier der US-Verwaltung im Irak. Sonst erinnert in der Altstadt wenig an die Präsenz der fremden Macht. Trotzdem ist auch hier nicht alles beim Alten geblieben. Früher hatte die Bar 24 Stunden geöffnet, noch nachts um zwei sei der Laden oft überfüllt gewesen, erinnert sich Kassierer Raed Shawkat, der seit über 30 Jahren bei Zbala arbeitet. Die Zeit der langen Nächte ist in Bagdad vorbei. Auch „Haaj Zbala“ macht nun abends um sieben dicht. „104 Jahre lang hatten wir keine Türen“, sagt Raed Shawkat und zeigt auf die nachträglich angeschweißten Metalltüren. „Die haben wir erst jetzt eingebaut – nachdem die Amerikaner uns die Freiheit gebracht haben.“

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