• "Rote Handschuhe": Das Gefängnis als sicherer Ort: Eginald Schlattner entwirft ein siebenbürgisches Geschichtspanorama

Welt : "Rote Handschuhe": Das Gefängnis als sicherer Ort: Eginald Schlattner entwirft ein siebenbürgisches Geschichtspanorama

Ernest Wichner

Am 22. August 1968 hat das Plenum des Obersten Gerichts Rumäniens in seinem Urteil Nr. 37 die Urteile gegen fünf Siebenbürger Schriftsteller aus dem Jahre 1959 als ungültig aufgehoben. Im Dezember 1959, waren diese fünf deutschen Schriftsteller zu insgesamt 95 Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt worden. Es hatte sich um einen der letzten Schauprozesse nach stalinistischem Muster gehandelt, der auf die Zerschlagung auch noch der letzten Reste von geistig-intellektueller Unabhängigkeit der deutschen Minderheit in Rumänien zielte.

Eginald Schlattner, damals Student der Hydrologie in Klausenburg und Leiter eines studentischen Literaturzirkels, war einige Zeit vor den fünf Schriftstellern verhaftet worden und im Securitate-Gefängnis von Kronstadt so lange verhört, misshandelt und bedroht worden, bis er bereit war, belastende Angaben zu den fünf Autoren zu machen. Anschließend wurde er wegen "Nichtanzeigens von Hochverrat" verurteilt und zu Neujahr 1960 aus dem Gefängnis entlassen. Im Urteil von 1968 stellt das Gericht über den Zeugen Schlattner fest, dass er "mehrfach wegen Psychasthenie in der Psychiatrischen Klinik Klausenburg stationär behandelt wurde und zum Zeitpunkt seiner Verhaftung nicht geheilt war". Die juristische Folge wäre auch 1959 gewesen, die Aussagen als wertlos für das Verfahren zu qualifizieren. Abgesehen davon, dass ein psychisch Kranker auch im nachstalinistischen Rumänien juristisch nicht als haftfähig galt.

Nachdenken über die Seele

"In die Klinik auf dem Berg über der Stadt war ich freiwillig gegangen", erzählt Eginald Schlattner im Roman "Rote Handschuhe". "Gewiss war, dass ich an jenem Ort für eine Weile keine Sorgen um das tägliche Brot haben musste, und Absicht war, dass ich Zeit gewinnen wollte, um nachzudenken über die Traurigkeiten meiner Seele." Zuflucht und Schutz sucht er zuerst in der Psychiatrie, dann am Busen der allmächtigen Partei. Vom Sanatorium war er in die Universität gegangen, um die Mitgliedschaft in der KP zu beantragen: "Eine Entscheidung gegen die fatale Herkunft und für eine frei gewählte Zukunft." Diesen Schritt aber verhindert die Verhaftung, und die "große Zeit", über die auf gut 600 Seiten erzählt wird, beginnt.

Schlattners Gefängnisroman ist ein typisches Stück europäischer Literatur des 20. Jahrhunderts. Ein autobiografischer Bericht über Tage, Wochen und Monate in der Zelle, über Verhöre, den Gefängnisalltag, die Angst, über aberwitzige Skurrilitäten, Hoffnung und Verzweiflung. Haseks Schwejk scheint darin auf Solschenizyn und dessen Lagerinsassen zu treffen. Arthur London - der in "Ich gestehe" über das Gefügigmachen des zum Zeugen ausersehenen Untersuchungshäftlings für den stalinistischen Schauprozess im Prag der Slansky-Prozesse berichtete - kann genau so gut zu Schlattners Referenzautoren gerechnet werden wie Walter Kempowski mit "Im Block" und seinem mehrbändigen Familien-Roman. Doch sein spezifisches Gewicht erhält dieser Roman daraus, dass er, neben der minuziösen Darstellung der Zellenwelt, in den Rückblenden, den Ausblicken und Abschweifungen einen bedeutenden Abschnitt der siebenbürgischen und rumänischen Nachkriegsgeschichte realistisch erzählt.

Der zentrale Erzählstrang, die bedrückende Untersuchungshaft mit den Verhören, den Schlägen auf den Kopf, den Drohungen und Versprechungen, mit seltsamen, verstörten und rebellischen, resignierten und rabulistisch argumentierenden Zellengenossen, gibt mehr als das Skelett dieses Romans ab; durch sein Interesse für Details und eine beinahe heiter zu nennende Erzählweise gelingt es dem Autor, den Leser auf ganz und gar unpathetische Weise mit hineinzunehmen in die Zelle. Denn der Ich-Erzähler tritt dem Leser nur insoweit als Opfer entgegen, als er seiner Freiheit beraubt wurde; die Erzählfreude, zu der sich ein gutes Gespür für dramaturgische Schnitte gesellt und ein Ohr für die sprachlichen Besonderheiten der Figuren, macht die Zwei-Personen-Zelle zum Nukleus spannender Lebensläufe. So etwa, wenn sich am 1. Mai 1958 die Zellentür öffnet und ein leibhaftiger Hirsch in die Zelle gebracht wird, das Lieblingstier des Kommandanten, das verschnupft ist und an Durchfall leidet. Der Zellengenosse - ein Jäger und Kommunist - soll es kurieren.

Oder der Tag, an dem sich zu den zwei Häftlingen weitere fünf hinzugesellen und neben dem deutschen Studenten und dem rumänischen Jäger noch ein ungarischer katholischer Stadtpfarrer, ein jüdischer Antiquar, ein orthodoxer rumänischer Mönch, ein ungarischer Bauernlümmel, der zur Unzeit die Glocken geläutet hatte, und ein rumänischer Brandschutzangestellter in der Zelle hausten. Jeder erzählt seine Geschichte und trägt mit dazu bei, dass allmählich die lebendige Welt hineinverlagert wird in die Verliese, dass sich die Ordnung der Dinge ebenso umkehrt wie die ohnehin schon verkehrte Relation von Opfer und Täter oder Gut und Böse. Der Ort, von dem aus erzählt wird, und mag es auch die Hölle sein (Auschwitz etwa bei Imre Kertész oder der GULAG bei Solschenizyn), hier also die Securitate-Zelle, wird durch die Erzählung häufig zum erträglichen, ja sympathischen Ort. Gute Erzähler wissen das zu nutzen und entgehen der Moralisierungsfalle durch die bestürzende Evidenz ihrer Geschichten.

Jenseits der gerade für die Person Schlattner nicht explizit aufzuklärenden Verstrickung in den Repressionsapparat der fünfziger Jahre, ist es gerade diesem Autor gelungen, um eine Einzelperson herum ein Geschichtspanorama aufzubauen, das in seiner ideologielosen Vollständigkeit in der neueren deutschsprachigen Literatur aus Rumänien noch nicht gestaltet worden war. Das gilt für seinen Roman "Der geköpfte Hahn" (1998), dessen Erzählzentrum der 23. August 1944 ist - der Tag, an dem Rumänien die Front vom Alliierten Hitlerdeutschlands zum Verbündeten der Sowjetunion wechselte -, ebenso wie für die "Roten Handschuhe", den Roman, der die Familiengeschichte weiter erzählt bis zum Beginn der sechziger Jahre.

Ahnungslose Anklagen

Hans Bergel, eines der vermeintlichen Opfer des Kronzeugen Schlattner (er war 1959 zu 15 Jahren Haft verurteilt und 1964 amnestiert worden), ist 1968 in die Bundesrepublik Deutschland ausgewandert und hat hier zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht. Im Juli 2000 sagte er einer großen rumänischen Zeitung, der Hauptzeuge der Anklage habe sich zu einem "außergewöhnlich heftigen Angriff auf uns hinreißen lassen. Ihn hatte man im Arrest der Securitate in Kronstadt eingesperrt, wo er sich in der Zelle einer besonderen Behandlung erfreute: das Essen hat man ihm nach der Speisekarte gebracht, man hat ihm Bücher und Schreibpapier zur Verfügung gestellt. Denn die Vernehmer hatten vom ersten Augenblick an begriffen, dass dieser Mensch sich nicht scheuen wird, ihnen all das zu enthüllen, was ihnen für unsere Anklageschrift von nutzen sein kann." Dass all dies in Deutschland nicht bekannt sei, führte er darauf zurück, dass die deutschen "Kritiker und Feuilletonisten nicht so unterrichtet sind, wie es sich gehörte, vor allem in den Rumänien betreffenden Problemen". Außerdem liege es daran, "dass die Redaktionen ignorant, naiv und oberflächlich arbeiten." Zur Abhilfe dieses Missstandes empfehlen sich die beiden Romane von Eginald Schlattner.

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