Welt : Rotlicht übersehen

In der Schweiz stießen zwei Züge zusammen. Einer der Lokführer starb. Schuld war wohl der Überlebende.

Jan Herbermann mit dpa
Aufräumarbeiten. Angestellte der Bundesbahn transportieren in Granges-pres-Marnand im Westen der Schweiz das Zugwrack ab, damit es in der Werkstatt zerlegt werden kann. Foto: dpa
Aufräumarbeiten. Angestellte der Bundesbahn transportieren in Granges-pres-Marnand im Westen der Schweiz das Zugwrack ab, damit es...Foto: dpa

Lausanne - Die Zugfahrernation Schweiz ist erschüttert: Das schwere Eisenbahnunglück im Westen des Landes hat den Eidgenossen auf brutale Weise demonstriert, dass auch auf ihrem Schienennetz keine hundertprozentige Sicherheit herrscht. Bei dem Zusammenprall zweier Reisezüge am Montagabend in dem Städtchen Granges-près-Marnand kam einer der Lokführer ums Leben, rund zwei Dutzend Menschen erlitten Verletzungen. Weitere Opfer sind nicht auszuschließen. Vermutlich geht das Unglück auf das Konto eines Lokführers, der ein rotes Signal ignorierte. Dies sei die wichtigste These der Ermittler, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag mit.

Der 54-jährige Lokführer, der das Haltesignal übersehen haben soll, konnte sich kurz vor der Kollision nach einer Vollbremsung seines Zuges mit einem Sprung ins Freie retten. Sein 24-jähriger Kollege im Triebwagen des entgegenkommenden Zuges wurde jedoch getötet, wie ein Polizeisprecher erklärte.

Die Züge kollidierten mit einer solchen Wucht, dass eines der Vehikel um acht Meter verkürzt wurde. „Glücklicherweise waren beide Züge in geringem Tempo unterwegs, sonst wäre das Unglück noch um einiges verheerender ausgefallen“, erläuterte der Gemeindepräsident Guy Delpredo. Nach den bisherigen Erkenntnissen fuhr einer der Lokführer mit seinem Zug zu früh aus dem Bahnhof von Granges-près-Marnand heraus. Herbeigeeilte Rettungsteams arbeiteten stundenlang im Scheinwerferlicht, um die Überlebenden aus den Trümmern zu befreien. Normalerweise passiert der Zug aus Lausanne auf dem Bahnhofsgelände den anderen Zug. Moderne Technik hätte das schwere Unglück möglicherweise verhindert. Die SBB betonten: Die Einführung eines leistungsfähigen Systems der Zugsicherung in der gesamten Schweiz würde ungefähr 1,6 Milliarden Euro kosten.

Derweil hat sich bestätigt, dass der Lokführer des vergangene Woche in Nordspanien entgleisten Zuges zum Zeitpunkt des Unglücks mit der staatlichen Bahngesellschaft Renfe telefoniert hat. Das habe die Auswertung des Fahrtenschreibers des Hochgeschwindigkeitszuges ergeben, teilte ein Gericht mit. Bei dem Unglück in Galicien sind 79 Menschen ums Leben gekommen. „Wenige Minuten vor der Entgleisung erhielt der Lokführer einen Anruf auf seinem Diensttelefon“, teilte das Gericht mit. Dem Inhalt des aufgezeichneten Gesprächs und den Hintergrundgeräuschen zufolge habe der Fahrer eine Karte oder ein ähnliches Papierdokument konsultiert. „Einige Sekunden vor dem Unfall wurde eine Bremse aktiviert“, heißt es weiter. Auf den Kilometern vor der Unglücksstelle hatte der Zug noch ein Tempo von 192, im Moment der Entgleisung war er noch 153 Kilometer in der Stunde schnell. jdh/dpa/rtr/AFP

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