Welt : Rubén González, der Zauberer

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Von Wim Wenders

Einer, den das Klavier davon abgehalten hat, Arzt zu werden.

Den man an dieses Instrument hätte festketten können,

und er wäre darüber nur glücklich gewesen.

Rubén ohne sein Klavier:

Ein eher schüchterner, bescheidener, recht kleiner Mann,

dem aber ständig der Schalk im Nacken saß.

Der zu jedem Spaß und zu jedem Streich bereit war.

Rubén an seinem Klavier:

Eine Naturgewalt, ein Riese,

nicht mehr zu halten vor Tatendrang.

Es gab für ihn einfach nicht genug Tasten auf dem Flügel.

Manchmal spielte er in der Tat links oder rechts davon in der Luft weiter.

Und dann kam aus diesem Klavier ein solches Feuerwerk, ein solcher Swing,

solch eine unbeschwerte Lockerheit und unbegrenzte Lebensfreude,

dass man sich bloß wunderte,

wann denn das dreibeinige Instrument wohl auch noch zu tanzen anfinge.

Gestern hat das Klavier seinen charmantesten Liebhaber verloren.

Und alle Klaviere dieser Welt werden Rubens Todestag

jedes Jahr aufs Neue als Trauertag begehen.

Mir wird vor allem jener regnerische Morgen in Havanna in Erinnerung bleiben,

an dem mein Filmteam sich zwei Stunden vor der normalen Öffnungszeit

am Eingang des EGREM Studios traf.

Der Pförtner schloss uns frühzeitig auf,

damit wir das Studio für den Dreh ausleuchten könnten.

Irgendwie hatte Rubén davon gehört.

Er stand schon vor der verschlossenen Tür, als wir alle ankamen.

Und kaum wurde das Tor von innen aufgeschlossen,

war er auch schon hindurchgewischt.

Die Chance, zwei zusätzliche Stunden an dem geliebten Flügel zu verbringen,

konnte er sich nicht entgehen lassen.

Er saß da in seiner Winterjacke und spielte, was das Zeug hielt,

egal was für ein Trubel um ihn herum herrschte.

Für jeden Beleuchter, für jeden Arbeiter,

für jeden von uns aus dem für ihn noch unbekannten Filmteam

hatte er dabei einen freundlichen, augenzwinkernden Blick.

Rubén Gonzáles, wie er leibte und lebte.

Diesen Text schrieb der Filmemacher Wim Wenders gestern nach der Nachricht vom Tod von Rubén González für den Tagesspiegel. Mit seinem Dokumentarfilm „Buena Vista Social Club“ hatte Wenders den Musikern ein Denkmal gesetzt.

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