Welt : Rudolf Noeltes Mercedes

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Es war Sommer und in der Bundeshauptstadt Bonn. Waschlappenfeuchte Luftmassen wälzten sich den Rhein hinauf und wieder hinunter. Und egal, welchen Weg ich nahm, hinunter oder hinauf, immer hatte ich das Gefühl, die Luftmassen rollten direkt auf mich zu, hielten mich fest, raubten mir den Atem, drückten mich bis tief auf den Grund des „heil’gen Stroms“. Derart erhitzt stolperte ich kurz nach meinem Abitur in die Tür des Bonner Schauspieldramaturgen. Wozu braucht der Mensch das Theater, rief dieser aus und rang beide Hände erst in Richtung Siebengebirge und dann in Richtung Wasserwerk und Langer Eugen: Sagen Sie es mir, Sie sind jung! Ich murmelte etwas von „moralischer Anstalt“ und „kritischem Bewusstsein“, woraufhin der Dramaturg in dumpfes Brüten versank. Ob ich Lust hätte, bei Rudolf Noelte zu hospitieren, fragte er schließlich. Klar, sagte ich. Gerhart Hauptmann, sagte er dann noch, „Schluck und Jau“, ein melancholisches Scherzspiel. Mir war alles recht. Ich war stolz.

Das Stück trug sich dann, wie oft bei Noelte, in einer Art Gartensaal zu, HMI-Scheinwerfer ließen es draußen mächtig herbsteln, Hanns Dieter Zeidler als Titelheld verlangte wechselweise nach „Schlampagner“ und einer drallen „Fürschtin“, Dietlinde Turban lehnte ephebisch hinter Säulen – und ich fand mich alsbald mit zwei Statistinnen auf der Galerie wieder. Ihr seid die Hofdamen, befand Noelte, und für Euch ist alles, was passiert, unerhört komisch. Bitte kichern! Und wir kicherten. Wir kicherten ganze Probentage und -nächte hindurch, und wenn wir mal etwas nachließen, baute sich „der Alte“ mit seiner ganzen Despotenkraft vor uns auf, faltete seine riesigzarten Hände, hielt den Kopf leicht schief, öffnete seine wulstigen Lippen – und kicherte so fein und hell wie ein Silberglöckchen.

Abgesehen davon, dass ich meine „Rolle“ mindestens so idiotisch fand wie den ganzen Hauptmann, habe ich damals viel gelernt. Etwa dass sich Noeltes Bühnenrealismus keineswegs nur im Organisieren von Auf- und Abtritten erschöpfte, sondern dass er sich als Seelenstatiker begriff, als Stifter eines Koordinatensystems. Den Rest hatten andere zu besorgen, Schauspieler, Sänger. Erst bei älteren Noelte-Inszenierungen wie „Eugen Onegin“ an der Bayerischen Staatsoper aber begriff ich, dass daraus tatsächlich Kunst werden konnte. Später, ich hatte angefangen in München zu studieren, parkte Noelte bisweilen seinen Mercedes an meiner U-Bahn-Station. Ich steckte ihm Billette oder Blümchen an die Windschutzscheibe, er schrieb zurück. Wenige schnörkellose Sätze in gestochen scharfer Schrift. Ein Mensch, ein Herr, der nichts so hasste wie das Überflüssige und Ungefähre. Seine Briefe habe ich alle aufgehoben. Wie gut. Jetzt ist Rudolf Noelte, der schon lange an Alzheimer litt, in Garmisch gestorben.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel

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