Rückblick : Deutschland - ein Volk von Hysterikern?

Immer wieder rollen Wellen der Panik über das Land. Vogelgrippe, BSE, Acrylamid und jetzt auch noch Ekelgeschichten über italienischen Gammelkäse. Stets stehen wir schon mit einem Bein im Grab. Aber was bleibt tatsächlich von unseren Panikattacken?

Marie Preuß
Gammelkäse
Der italienische Gammelkäse-Skandal breitet sich bis nach Bayern aus. -Foto: ddp

Sars


Es klingt schon so nach Panik, nach zugeschnürter Kehle: Sars, das Akute Respiratorische Syndrom (Severe Acute Respiratory Syndrome) verschreckte 2003 die Menschen in Deutschland. Das Virus kam direkt aus dem südchinesischen Dschungel. Uuh. Die Weltgesundheitsorganisation befürchtete eine Pandemie mit Mil-lio-nen von Toten. Tatsächlich starben zwischen November 2002 und Juni 2003 800 Menschen, 8000 erkrankten schwer. In Asien hatte sich die Lungen-Erkrankung ausgebreitet und Reisende brachten sie mit nach Europa. Bis heute kennen die Ärzte kein Mittel gegen das "mörderische" Virus. Schlimm das alles - in dem Moment. Heute sprich niemand mehr von Sars: Seit 2004 ist kein Krankheitsfall bekannt geworden.

Vogelgrippe
In den ersten Wochen der Vogelgrippe-Panik war der bange Blick zum Himmel charakteristisch, zu den Amseln im Garten oder dem Schwan beim Sonntagsspaziergang. Später dann, im Frühjahr 2006, wurden gar herumschleichende Katzen schräg beäugt und eine Ausgangssperre für die Haustiger verhängt. Ein neuer Grippeerreger versetzte uns in Angst und Schrecken: Das Influenza-Virus, ursprünglich bei Vögeln bekannt, bedrohte plötzlich auch den Menschen.

Betroffene Länder sind: Ägypten, Aserbaidschan, Birma, China, Djibouti, Indonesien, Irak, Kambodscha, Laos, Nigeria, Pakistan, Thailand, Türkei und Vietnam. Kein Wort von Deutschland.

Heute stuft das Robert-Koch-Institut die Gefahr der Vogelgrippe als "sehr gering" ein - selbst bei Menschen, die infiziertes Federvieh mit den Händen berühren. Obwohl auf der ganzen Welt mehr als hundert Millionen Geflügel an dem Virus verendeten, sind beim Menschen nur 370 Fälle bestätigt, von denen mehr als die Hälfte der Opfer starb.

Asbest
Gesprochen wird heute kaum noch über den vermeintlichen Wunderstoff. Mitte der 90er Jahre brachte er das ganze Land auf die Barrikaden. "Asbest", abgeleitet vom altgriechischen asbestos für "unvergänglich", begeisterte durch großartige Isolationskraft, Säure- und Hitzebeständigkeit mit bis zu 1000 Grad Celsius. 1993 reagierte man dann in Deutschland mit einem kompletten Verbot auf die Meldungen über die Krebsgefahr, die von ihm ausgeht. Viele Schulen und andere öffentliche Gebäude wurden dicht gemacht und abgerissen.

Die Folgen sind meist erst heute sichtbar: Asbest-Opfer erkranken an der Asbestose, einer Schädigung der Lunge, die Zahl der Patienten mit Rippenfelltumoren steigt und die Wahrscheinlichkeit, an der Erkrankung zu sterben, liegt auch heute noch bei über 90 Prozent.

Tschernobyl
Es war der 26. April des Jahres 1986 als es im ukrainischen Tschernobyl zum Atom-Gau kam: Eigentlich sollte in dem Kernkraftwerk ein kompletter Stromausfall getestet werden - das Ende ist bekannt: Planungs- und Bedienungsfehler führten zu dem Unfall, bei dem 162.000 Quadratkilometer atomar verseucht und als Folge 345.000 Menschen in der Ukraine, Weißrussland und Russland umgesiedelt werden mussten.

Unter Fachleuten wird bis heute über die Zahl der Opfer gestritten. Experten sprechen von 4.000 bis 100.000 Toten. Klar ist, auch heute noch sterben die Menschen in der Region an den Folgen des Unglücks.

In der Bundesrepublik löste vor allem der herbeiziehende radioaktive Regen hysterische Ängste aus. Bis heute, gut 20 Jahre später, sind vor allem Früchte und Tiere aus den Wäldern wie Beeren, Pilze und Wild noch radioaktiv belastet. Ein Grund dafür: Der Waldboden wird nicht mechanisch bearbeitet, gedüngt oder geerntet, wie unsere Felder.

BSE
Herbst 2000: Bloß kein Steak mehr, nie wieder Kalbsleberwurst: Die Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE) hatte die Deutschen im Griff: Der Rinderwahn drohte hinter jeder Stulle. Bei den Widerkäuern greift das Leiden das zentrale Nervensystem an und wird vor allem durch die Fütterung von Tiermehl übertragen. Die Tiere rafft das Virus innerhalb weniger Monate dahin, eine Therapie gibt es bisher nicht.

Mehr als 185.000 Rinder sind bisher erkrankt, wesentlich mehr von ihnen gelten als infiziert. Bei der Übertragung auf den Menschen droht eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), das seine Opfer vor allem in jüngeren Jahren (unter 30) dahin rafft.

Dramatischer Auftakt. Nun das Decrescendo: Die Gefahr, dass Menschen der klassischen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zum Opfer fallen, liegt bei eins zu einer Million. Tatsächlich traten in Großbritannien bis 2004 146 und später auch vereinzelt in Frankreich einige wenige Fälle der neuen Version (vCJK) auf. Die Opfer, die außerhalb Großbritanniens bekannt wurden, sollen sich jedoch vorher im Königreich infiziert haben. Obwohl auch in diesem Frühjahr wieder ein Rind in einem niedersächsischen Betrieb an BSE erkrankte, harrt die Bundesrepublik bis heute vergeblich seines ersten Falles von "menschlichem" Rinderwahn.

Acrylamid
Achtung, Achtung: Nicht nur fettige Pommes und Chips, sondern auch Knäckebrot enthalten den gefährlichen Stoff: Acrylamid.

Im Juni 2002 warnten schwedische Forscher vor dem "tumorbildenden" Stoff, der entstehe, wenn Kartoffeln oder Getreide auf über 120 Grad erhitzt werden - je höher und länger, desto mehr Acrylamid.

Nach einem ersten Abflauen des Schocks, folgten weitere Studien: Foodwatch testete 16 Kartoffelchip-Sorten auf den vermeintlichen Krebserreger. Der Verlierer: Pringles Paprika von Procter & Gamble und ein Bio-Produkt der Firma Moolenaartje. 34-mal mehr Acrylamid als bei den billigen Rusti Chips Paprika von Lidl wurden festgestellt.

Ein Testergebnis aber steht bis heute aus: Bislang fehlt jeder Beweis dafür, wie viel davon oder ob der Horrorstoff Acrylamid überhaupt Krebs beim Menschen auslöst.

Zecken
Der Sommer ist da - und mit ihm der Zeckenalarm. Ixodes ricinus, der "gemeine Holzbock" lauert auf Gräsern und Farnen, bis sein Opfer ahnungslos mit sommernackten Beinen vorbeistreicht. Dann beißt er zu, saugt unser Blut und dehnt sich während der Mahlzeit auf seine 120fache Größe aus: Der Zeck verbreitet Angst, Ekel und nicht zuletzt Krankheiten wie die Frühsommer-Zecken Meningo Enzephalitis (FSME), im Volksmund Hirnhautentzündung und die Borreliose, die mehrere Organe befallen kann.

Beruhigung will da der Münchner Mikrobiologe Volker Fingerle verschaffen: So könne man sich gegen FSME impfen lassen - und die Borreliose würde nach Ansicht Fingerles sowieso überschätzt: Zwar erkranken nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) pro Jahr etwa 60.000 Deutsche an der Krankheit, aber nicht jede infizierte Zecke macht auch den Gebissenen krank - es ist im Gegenteil "nur ein Bruchteil", so Fingerle in der Online-Ausgabe der Tribune.

Und auch Landkarten, auf denen Süddeutschland als lebensgefährlich rotes FSME-verseuchtes Gebiet gezeigt werden, scheinen bei genauerem Hinsehen weniger risikoreich zu sein: Zu einer manifesten FSME kommt es nach Angaben des Bayrischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit vermutlich bei eins zu tausend oder eins zu zweitausend der Zeckenstiche im FSME-Risikogebiet.

Gammelkäse

"La Repubblica" berichtet Anfang Juli über eine kriminelle Bande, die vergammelten und schimmeligen Käse in Italien und Deutschland so aufbereitet, dass er als Frischeprodukt in die Supermärkte kommt. Von 11.000 Tonnen ist die Rede, durchsetzt mit Maus-Exkrementen und Würmern. Igitt. Auch eine Allgäuer Käserei sei in den Fall verwickelt, heißt es zunächst. Doch die Entwarnung kommt rasch: Die deutschen und italienischen Behörden melden, es handele sich um einen zwei Jahre alten Fall. Ermittlungen seien bereits 2006 eingeleitet worden, nachdem die Polizei in Norditalien einen mit völlig verfaultem Käse beladenen Transporter angehalten hatte. Die Produktion sei schon damals gestoppt und die Ware entsorgt worden.

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