• Rücktritte: Beschwerdebrief an den Kreml: Wie Erich Honecker seinen Ziehvater Walter Ulbricht entmachtete

Welt : Rücktritte: Beschwerdebrief an den Kreml: Wie Erich Honecker seinen Ziehvater Walter Ulbricht entmachtete

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"Fragen der Arbeitsweise des Politbüros und des Sekretariats" - hinter diesen spröden Worten verbarg sich ein politisches Erdbeben in der DDR. Staats- und Parteichef Walter Ulbricht entließ am 1. Juli 1970 Erich Honecker aus dem Politbüro. Schon lange hatte er sich über den 57-jährigen Ziehsohn geärgert: Eine liberalere Jugendpolitik hatte Honecker torpediert, Ulbrichts deutschlandpolitische Alleingänge hintertrieben. Doch der Kreml, von Ulbrichts Arroganz genervt, sprang Honecker bei und ordnete an, den "grünen, unreifen Kommunisten" (Ulbricht über seinen Rivalen) wieder einzusetzen.

Gestärkt drang Honecker nun auf Ulbrichts Absetzung. Bei einem Geheimtreffen mit Sowjetchef Leonid Breschnew verlangte er den Wechsel, im Politbüro ließ er den Abbruch des Neuen Ökonomischen Systems (NÖSPL) beschließen, mit dem Ulbricht die Planwirtschaft effektiver gestalten wollte. Honecker machte den Herrscher nun offen für Versorgungsmängel verantwortlich, auch der Kurs gegenüber der Bundesrepublik geriet in die Schusslinie.

Am 21. Januar 1971 startete Honecker die finale Attacke. In einem von 13 Politbüro-Mitgliedern unterschriebenen Brief an den Kreml, denunzierte er Ulbricht als arroganten Eigenbrötler: "Genosse Walter Ulbricht verfolgt eine persönliche Linie, an der er starr festhält." Am 11. April 1971 legte Breschnew dem SED-Chef den Rücktritt nahe. Der Geschlagene verkündete zwölf Tage später im Politbüro seinen Entschluss, aus "gesundheitlichen Gründen" abzutreten. Pflichtgemäß bat er, Honecker mit der "anstrengenden Tätigkeit" zu betrauen. Damit war der 77-Jährige, der Staatschef bleiben durfte, entthront. In der Folgezeit stellte Honecker seinen Vorgänger kalt und ließ ihn überwachen. Ulbricht starb am 1. August 1973 verbittert in Ost-Berlin. Die zu dieser Zeit stattfindenden Jugend-Weltfestspiele wurden nicht unterbrochen. Nach dem Tod wurden in der DDR neue Porträts aufgehängt, das "Ulbricht-Stadion" erhielt einen anderen Namen.

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