Welt : Russische Nationalhymne: Den Russen fehlen die Worte

Doris Heimann

Deutsche Fußballer sehen das Abspielen der Nationalhymne bekanntlich als lästige Pflicht, zu absolvieren mit betont gelangweiltem Gesicht und halbherzigen Lippenbewegungen. Ganz anders ihre russischen Kollegen: Die würden so gern voller Inbrunst Patriotisches schmettern - allein, ihrer Hymne fehlt der Text. Den Spielern der russischen Fußballmannschaft Spartak Moskau reichte es schließlich: Sie wollen nicht länger stumm mit gesenkten Köpfen zuhören müssen, wenn die Nationalhymne gespielt wird, schrieben sie kürzlich in einem Brief an den Präsidenten Wladimir Putin. Der Kremlchef möge doch endlich einen passenden Text zur Melodie finden.

Das Hymnen-Debakel quält patriotisch gesinnte Russen schon seit Jahren. Boris Jelzin hatte die alte Sowjet-Hymne 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion abschaffen lassen. Um Ersatz für das große staatliche Symbol zu schaffen, wurde kein Aufwand gescheut: Eine eigens eingesetzte Kommission einigte sich schließlich auf die neue Melodie: das "Patriotische Lied" aus der Feder des russischen Komponisten Michail Glinka.

Nur ein passender Text sollte noch gefunden werden. Doch damit tat man sich in der gesamten Jelzin-Ära schwer. So ist das nationale Symbol der Russischen Föderation bis heute ein Provisorium: Bei offiziellen Anlässen wird die Glinka-Melodie gespielt, die Anwesenden lauschen stehend und stumm. Ein Missstand von hohem Symbolwert, wie auch der Schriftsteller Jewgenij Jewtuschenko befand: "Die wortlose Hymne drückt passend die Identitätskrise der Russen aus."

Dabei ließ es die patriotisch gesinnte russische Bevölkerung durchaus nicht an Vorschlägen mangeln. Mehr als 6000 Manuskripte berufener Hobby-Poeten gingen bei der Hymnen-Kommission ein. Alle wurden sorgfältig nummeriert und in Pappordnern abgelegt. Den Anforderungen der Fachleute genügte indes keines. Zeilen wie "Roll mit Donner, Russland, unsere Kraft!" und "Gott, regiere Du unser mächtiges Reich" erschienen den Experten selbst für diese staatstragende Aufgabe zu wuchtig.

Währenddessen mehrt sich in Russland der Chor derer, die das ungeliebte Glinka-Lied wieder durch die alte Sowjethymne ersetzen möchten. Die Melodie von Glinka sei schwer zu merken und überdies selbst von ausgebildeten Sängern kaum zu intonieren, argumentieren sie - und haben Recht. Die alte Sowjethymne dagegen sei schön, einprägsam und noch dazu weltweit bekannt. Stalin hatte sie 1944 in Auftrag gegeben. Die Musik des Komponisten Alexander Alexandrow und der Text von Sergej Michalkow lösten die "Internationale" ab, die seit der Revolution den Bolschewisten als Nationalhymne gedient hatte.

Das entscheidende Argument zugunsten der Sowjethymne ist jedoch, dass sie an die Großmacht-Nostalgie appelliert. Nicht nur die Kommunisten haben sich mehrfach für eine Rückkehr zur Sowjethymne ausgesprochen. Auch Wladimir Putin gilt inoffiziell als ihr Befürworter. Die Kreml-kritische Zeitung "Segodnja" berichtete, Putin habe seine Abneigung gegen die Glinka-Hymne einer Mitarbeiterin anvertraut.

Aber auch mit einer Rückkehr zur Sowjethymne wäre das Textproblem noch lange nicht gelöst. Denn die feierlichen Zeilen von 1944 können so keineswegs übernommen werden. "Unerschütterlich ist die Union der freien Republiken, zusammengeschweißt auf ewig durch das große Russland" heißt es darin - Verstimmungen bei Russlands GUS-Nachbarn wären vorprogrammiert. Und mit Zeilen wie "Uns erzog Stalin zur Treue zum Volke" können sich viele Staatsbürger des neuen Russlands bei aller Sowjet-Nostalgie nun doch nicht identifizieren.

Nach dem Brief der Kicker von Spartak Moskau ist der Ball jetzt bei Wladimir Putin. Der hat seinem Volk schließlich versprochen, die vielen drängenden Probleme des Riesenreichs anzupacken. Und die textlose Hymne gehört zweifellos dazu, denn sie hat ungeahnte negative Auswirkungen im russischen Sportleralltag: Weil sie vor dem Anpfiff nichts zu singen hätten, so klagten die Moskauer Fußballer in ihrem Schreiben, fehle ihnen bei den Spielen einfach die richtige Moral für den Sieg. Sollte dies auch auf die Psyche anderer Sportler ähnlich wirken, sieht es für die russische Nationalmannschaft bei den Olympischen Sommerspielen in Sydney schlecht aus.

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