Russland : Einfach tauschen

German Sterligow war der erste Oligarch Russlands. Jetzt lebt er im Wald und will die Welt mit Warentausch retten.

Mareike Aden[Moskau]

Das Haus des Mannes, der vor mehr als 20 Jahren der erste legale Dollarmillionär Russlands war, hat keine Adresse. Es liegt über 120 Kilometer entfernt von Moskau, mitten im Wald. Die Feldwege dorthin waren bis vor wenigen Tagen noch verschneit und sind voller Schlaglöcher. „Tragen Sie bitte einen mindestens knielangen Rock“, hat German Sterligow die Besucherin zuvor am Telefon gebeten. Der Ex-Oligarch und seine Familie leben mittlerweile ein streng religiöses Leben, Frauen in kurzen Röcken oder gar Hosen haben darin keinen Platz.

Früher war Geld die Religion des heute 42-Jährigen, der eher klein gewachsen ist, aber umso energischer auftritt. Fast 20 Jahre lang lebte er mit Frau und Kindern auf der Rubljowka, der legendären Moskauer Millionärsmeile. Sterligow gründete die erste Börse Russlands, später kamen weitere Geschäftszweige hinzu, und bald war er Multimillionär. Ein Leben umgeben von Villen und teuren Autos, aber auch von Alarmanlagen und Bodyguards.

Statt eines Sicherheitsmanns öffnen nun zwei der vier Söhne das Tor zum Grundstück im Wald. Dann kommt auch der Hausherr hinaus aus dem zweistöckigen Holzhaus. Er trägt eine dunkelbraune Fellmütze, einen derben Wildledermantel mit Fellkragen und Schneestiefel. Fünf Jahre ist es her, dass dieser Mann Wladimir Putin als Präsident ablösen wollte. Doch ein paar Monate vor den Wahlen 2004 strich die Wahlkommission Sterligow von der Kandidatenliste. Über die Hintergründe will er nicht sprechen, ebenso wenig wie über aktuelle russische Politik. Umso lieber redet Sterligow über das Leben im Wald, das er vor fünf Jahren beginnen musste. Denn zusätzlich zu seinen eigenen Millionen hatte er auch fremdes Geld in seinen Vorwahlkampf gesteckt – und unter zweifelhaften Umständen alles verloren. „Häuser, Büros, Aktien, Autos – ich musste alles verkaufen“, erzählt er, während er der Besucherin seine kleine Landwirtschaft zeigt: eine Kuh, ein Pferd, streng riechende Ziegen, Hühner und Gänse. 100 Schafe befinden sich auf einer anderen kleinen Farm, noch weiter außerhalb. „Wir hatten nach der Pleite kein Haus mehr, also sind meine hochschwangere Frau und ich mit den vier Kindern in den Wald gefahren und haben aus gefällten Bäumen ein kleines Holzhaus gebaut.“ Er klingt fast schwärmerisch. „Damals war das eine Katastrophe, aber es war das Beste, was uns passieren konnte. Wir konnten unsere Art zu leben ändern“, sagt er, schüttelt sich den Schnee von den Stiefeln und geht ins Haus. Lange Zeit lebten sie sogar in einem Haus ohne Strom und fließend Wasser. Erst vor einem Jahr sind die Sterligows in ihr neues Holzhaus eingezogen. Es ist geräumiger als die Hütte zuvor. Das Haus ist spartanisch mit Holzmöbeln eingerichtet. In den Schränken stehen Bücher in altslawischer Sprache, an den Wänden hängen russisch-orthodoxe Ikonen. Es gibt weder Fernseher noch Computer, dafür einen Werkraum für die Kinder, die von einem Privatlehrer zu Hause Unterricht bekommen, damit sie nicht in Berührung kommen mit Rauschgift und falschen Ideen.

Doch bei allem Lob des ursprünglichen Lebens im Wald: Seit drei Monaten tauscht Sterligow fast täglich Wildledermantel und Stiefel gegen Anzug und Lederschuhe und fährt nach Moskau – um dort gegen die Finanzkrise zu kämpfen. „Der Fortschritt muss angehalten werden“, sagt Sterligow. „Aus Angst um meine Kinder habe ich beschlossen zu handeln.“ Auch an diesem Tag macht Sterligow sich gegen Mittag auf den Weg nach Moskau. In einem Wolkenkratzer des Finanzzentrums Moskau City befindet sich das Hauptquartier seines Anti- Krisen-Warenhandelszentrums, das er Ende des vergangenen Jahres gegründet hat. Von hier aus will Sterligow Unternehmen aus der ganzen Welt miteinander ins Tauschgeschäft bringen.

Der Warentausch, das sogenannte Bartering, hat Tradition im schon oft von Krisen heimgesuchten Russland. Aber Sterligow betont das Neue an seiner Idee: Das Internet soll beim Anti-Krisen-Zentrum die Tauschpartner zusammenbringen. Ein eigens entwickeltes Computersystem stellt Tauschketten von rund fünf Unternehmen zusammen; nur der Letzte in der Kette zahlt dem Ersten Geld. „So können wir die für Transaktionen benötigte Geldmenge entscheidend reduzieren“, sagt Sterligow. Sein Ziel ist es, den Einfluss von Kreditgebern, Banken und anderen Zwischenhändlern zu minimieren. Von jedem erfolgreichen Geschäft bekommt das Anti-Krisen-Zentrum ein Prozent als Kommission. Mitgetauscht haben bereits der russische Lastwagenkonzern Kamaz und der Landmaschinenhersteller Rostselmash.

Seit Ende 2008 hat Sterligow mehrere Millionen in den Aufbau des Tauschnetzwerkes investiert. „Das Geld habe ich unter einem Baumstumpf gefunden“, scherzt er. Tatsächlich aber wird das Projekt von Freunden aus Millionärszeiten finanziert. Denn auch sie trifft die Krise hart: Das Vermögen der russischen Oligarchen schmilzt seit Monaten dahin.

Nicht nur in Russland und den Nachbarländern, sondern auch in London, Hongkong und Peking hat er Filialen eröffnet, weitere sollen hinzukommen. German Sterligow wünscht sich, dass Regierungen weltweit seine Idee unterstützen oder sogar übernehmen. Denn er will möglichst schnell wieder zurück in den Wald, zum einfachen Leben.

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