Russland : Umgerubelt: Bauboom in Moskau

In Moskau wird mächtig gebaut – und dafür Historisches rücksichtslos abgerissen wie unter Stalin.

Bernhard Schulz[Moskau]

Früher hieß es, amerikanische Großstädte seien nach wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen, so viel wie in der Zwischenzeit gebaut wurde. Heute ist es Russlands Hauptstadt Moskau, die nach wie vor vom Bauboom durcheinandergerüttelt wird. Wo gestern noch Altbauten, Hinterhöfe oder verwilderte Gärten vor sich hin träumten, ragt heute einer der mittlerweile unzähligen Apartment-Türme auf. Mehr als 500 historische Bauten sind unter Oberbürgermeister Juri Luschkow bereits abgerissen worden – ungefähr so viele wie unter Stalin.

Kritik an diesen Zuständen ist unerwünscht. Moskaus als energisch geltender, tatsächlich rücksichtsloser Oberbürgermeister hat die Stadt fest im Griff. Wer sich mit ihm gut stellt, hat Aussicht, eines der begehrten innerstädtischen Grundstücke zugeteilt zu bekommen – und darauf zu bauen, was ihm beliebt. Luschkows zweite Ehefrau Jelena Baturina ist mit dem unter ihrem Namen geführten Baukonzern „Inteco“ zur Milliardärin und reichsten Frau Russlands aufgestiegen.

Doch nicht alle Moskowiter nehmen die Zerstörung ihrer Stadt mit landestypischem Fatalismus hin. Juri Bocharow, renommierter Stadtplaner und Mitglied diverser Institute und Akademien, hat jetzt einen aufsehenerregenden offenen Brief an den Präsidenten der Russischen Föderation, Dimitri Medwedew, gerichtet, in dem er die Moskauer Baupraxis scharf kritisiert. Luschkows Name kommt darin nicht vor. Wohl aber zitiert Bocharow all die präsidentiellen Dekrete, die in den vergangenen 15 Jahren bezüglich der Föderationshauptstadt Moskau ergangen sind – und von Luschkow missachtet wurden.

Als Hauptfehler kritisiert der seit den siebziger Jahren tätige Stadtplaner Bocharow, dass „der Löwenanteil der Grundstücke, die der UdSSR-Regierung, den Unionsrepubliken sowie dem Comecon gehört hatten, in der Monopolverwaltung des Moskauer Bürgermeisterbüros gelandet ist“. Dessen Wahlspruch laute nicht, wie früher, „Proletarier aller Länder, schart euch um Moskau“, sondern „Investoren aus aller Welt, werdet reich in Moskau“.

Doch das ist schon alles an Polemik. Denn dann zitiert der offene Brief Statistiken: etwa, dass neun Prozent der gesamten Unionsbevölkerung in und um Moskau leben, wobei die Bevölkerungsdichte mit bis zu 2000 Menschen pro Hektar um ein Mehrfaches über derjenigen westlicher Hauptstädte liege. Für das gesamte Moskauer Stadtgebiet beträgt die Bevölkerungsdichte knapp 10 000 Einwohner pro Quadratkilometer. In Berlin, der nach München am dichtesten bevölkerten Großstadt Deutschlands, beträgt die Bevölkerungsdichte gerade einmal 3850 Einwohner pro Quadratkilometer. Die meisten deutschen Großstädte weisen etwas über 2000 Einwohner aus. Selbst Tokio, die mit 37 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Metropolenregion der Welt, verzeichnet unter 3000 Einwohner pro Quadratkilometer.

Moskau ist überaus attraktiv. Hier laufen alle Entscheidungsstränge der Russischen Föderation zusammen, hier fließen alle Geldströme. Jährlich über 150 000 Neubürger hat Moskau zu verzeichnen – Wachstum auf Kosten des Landes, das von Schrumpfung geplagt wird. Daher sind Apartmentbauten so profitabel. 25 bis 30 Stockwerke, möglichst mit stählernem Zaun und bewachtem Zugang, das ist das Ideal derer, die sich Preise oftmals im siebenstelligen Bereich leisten können. Mit dem vor wenigen Jahren fertiggestellten, knapp 250 Meter hohen „Triumphpalast“ weist Moskau das höchste Wohngebäude Europas auf. Das Gebäude erinnert sichtbar an die Stalinzeit – nur gröber im Detail. Dabei gibt es mittlerweile eine Architekturszene, die sich qualitativ mit den Leistungen in Westeuropa messen kann. Aber sie hat bei Investoren keinen leichten Stand.

Doch es geht in dem offenen Brief nicht allein um Apartment-Hochhäuser, denen Hunderte von gut nutzbaren Wohnhäusern vorwiegend aus der Chruschtschow-Zeit geopfert werden – die fünfstöckigen Plattenbauten der „Chruschtschowkas“, die den Moskowitern nach Jahrzehnten enger Gemeinschaftswohnungen erstmals die ersehnte Privatsphäre boten.

In der russischen Hauptstadt ist gegenwärtig kein Platz mehr für hauptstädtische Funktionen vorhanden. Außer dem Kreml, dem jahrhundertealten Machtzentrum Russlands, gibt es kein Regierungsviertel, wie es in Berlin nach der Wiedervereinigung großzügig ausgeführt wurde. Im Entwurf des „Generalplans“ bis 2025 sind gerade einmal 0,3 Prozent der Fläche für hauptstädtische Funktionen vorgesehen – nach 14 Prozent, die zuvor ein präsidentieller Erlass vorsah. Der seit 1992 amtierende Oberbürgermeister Luschkow hat nur für den Stadtrat, die Moskauer Duma, ein großzügiges Gebäude vorgesehen – im neuen Business-Viertel „Moscow City“, wo derzeit mit dem „Föderationsturm“ das höchste Bürohaus Europas entsteht.

Rücksichtslos werden Moskaus ohnehin spärliche Grünflächen zur Bebauung freigegeben. Stadtparks, selbst begrünte Plätze sind eine Rarität. Um das eigentliche Stadtgebiet herum wuchern Trabantensiedlungen, Großmärkte und Vergnügungseinrichtungen, wie die künstliche Skipiste „Snesch.kom“ in der Trabantenstadt Krasnogorsk. Der Ausbau der Infrastruktur, auch das prangert Briefschreiber Bocharow an, hinkt weit hinter dem Hausbau hinterher. Vor allem das Straßennetz ist für den auf Millionenstärke angewachsenen Pkw-Verkehr völlig unzureichend. Auf bis zu 18 Kilometer schätzt Bocharow die Gesamtlänge der täglichen Staus, rund 650 an der Zahl, die nicht zuletzt durch die halbe Million Autos aus dem Umland verursacht werden, die täglich in die Innenstadt drängen. Die Stadtautobahn „Dritter Ring“ ist den ganzen Tag über so verstopft wie der Pariser Boulevard périphérique zum Berufsverkehr.

Es ist kaum anzunehmen, dass sich Luschkow von einem Offenen Brief beeindrucken lässt. Klugerweise ist er darum an den Präsidenten Medwedew adressiert, der sich kürzlich erst mit seinem Appell an das Geschichtsbewusstsein hinsichtlich der Stalin-Verbrechen als liberaler Gegenpart zu seinem Vorgänger Putin positioniert hat.

Sollte Medwedew tatsächlich über die Kremlmauern hinausblicken, hat er das ganze Drama der Moskauer Baupolitik vor sich. Das riesige Hotel „Moskwa“ in Sichtweite des Roten Platzes, ein Ergebnis von Stalins umwälzendem Generalplan für Moskau aus dem Jahr 1935, ließ Luschkow abreißen – um es nach geharnischten Protesten einigermaßen originalgetreu wieder aufbauen zu lassen. Viele Taschen füllt der Bauboom. Wie heißt es? Hauptsache, der Rubel rollt.

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