Sacha Baron Cohen : Brüno und die Grenzen des guten Geschmacks

Provokation bleibt seine Strategie - und auch sein neuer Film sorgt bereits für Empörung: Sacha Baron Cohen, bekannt als "Borat", kommt als schwuler Modereporter "Brüno" ins Kino.

Rita Neubauer[San Francisco]

Rette sich, wer kann. Prominente müssen nicht erst seit Borat auf der Hut sein, wenn Sacha Baron Cohen naht. Nach Ali G. und Borat legt der Komiker nun mit „Brüno“ nach, einem schwulen Moderedakteur aus Österreich. Wenn Brüno englisch redet, klingt das wie Schwarzenegger. Bei seinen Provokationen überschreitet er so ziemlich alle Grenzen des guten Geschmacks und der politischen Korrektheit. Ob er Adolf Hitlers „Mein Kampf“ als Modebibel bezeichnet oder sich über Madonnas Adoptionsversuche – „kleine schwarze Mädchen gehören seit neuestem zum Accessoire“ – lustig macht, jeder kriegt sein Fett ab.

Eine Amerikanerin hat ihn wegen seines neuen Films, der am 8. Juli in den Kinos anläuft, verklagt – wegen „lebensverändernder Verletzungen“, wie der Anwalt von Richelle Olson behauptet. Olson wirft Baron Cohen und seiner Kameracrew vor, sie beim Dreh bei einem Bingo-Wettbewerb in ein Handgemenge verwickelt zu haben. Sie sei daraufhin gestürzt, habe Gehirnverletzungen davongetragen und müsse nun Stock und Rollstuhl benutzen.

Lächerlich, sagen Cohens Anwälte und die Universal Studios. Die 25 000 Dollar Schmerzensgeld, die Olson angeblich fordert, wären allerdings eine eher kleine Summe im klagefreudigen Amerika.

Es ist nicht die erste Klage. Gegen das Schandmaul zogen bereits 2006 mehrere Statisten seines Kino-Hits „Borat“ vor Gericht, da sie nicht genügend über den Inhalt der Satire erfahren hätten und sich gedemütigt fühlten. Auch Kasachstan, das Cohen im gleichen Film als hinterwäldlerischen Kommunistenstaat vorführt, fühlte sich so düpiert, dass der Botschafter in Grossbritannien Cohen gar als „Saukerl“ titulierte.

Was schon damals für eine Menge PR sorgte, soll auch dieses Mal funktionieren. Proteste und Klagen gegen seine Provokationen sind fester Bestandteil seiner Marketingstrategie. Bei der kürzlichen Verleihung der MTV Movie Awards plazierte Cohen als arg zerzauster Engel sein nacktes Hinterteil ausgerechnet vor das Gesicht von Eminem. Anschließend stürmte der Rapper, der früher einmal durch schwulenfeindliche Sprüche aufgefallen war, mit böser Miene aus der Veranstaltung. Hinterher kam heraus, dass alles ein abgekartetes Spiel war.

Der neue Film hat den Titel „Brüno“. Cohen wollte ihn eigentlich „Delicious Journeys Through America for the Purpose of Making Homosexual Males Visibly Uncomfortable in the Presence of a Gay Foreigner in a Mesh T-Shirt“ nennen. Ein Titel, der den Universal Studios allerdings missfiel. Brüno arbeitet als Model sowie Rundfunkreporter beim fiktiven österreichischen Jugendrundfunk ORJF. Er reist in den konservativen US-Bundesstaat Arkansas und lädt die schwulenfeindliche Bevölkerung zum Cage Fight mit heißen Girls ein – die sich als knutschende Männer mit Muckis enttarnen. In Mailand erregt er Aufsehen, als er sich bei den Modeschauen auf den Laufsteg wagt und in Berlin erntet er mit seinem schrägen Geschmack in einem Club Buhrufe.

Sacha Baron Cohen gibt selten Interviews und lebt zurückgezogen mit seiner australischen Freundin Isla Fisher und Tochter Olive in Los Angeles. Wer ihn kennt, beschreibt ihn als liebenswerten, intelligenten und wider Erwarten sensiblen Menschen, der in einer jüdischen Familie in London aufwuchs. Die Mutter war Tanzlehrerin, der Vater Anzugverkäufer am Piccadilly Circus.

Seine Karriere hob erst richtig als „Ali G“ ab, als der überdrehte Schauspieler nichtsahnende Prominente und Politiker mit Interviews in die Falle lockte und ihnen äußerst peinliche Fragen stellte.

Die Figur Brüno spielt durchaus mit seiner Vergangenheit. Nach dem Studium arbeitete er tatsächlich als Model und trat 1998 in Zwei-Minuten-Sketchen beim Paramount Comedy Channel auf. Kein Wunder, dass Brüno fragt: „Vy do zey give out Nobel prizes for physics, medicine and svimming, but not for fashion?“

Obwohl „Brüno“ Schwulenhasser auf den Arm nimmt – so verwandelte er eine Anti-Schwulen-Demonstration in den USA in ein Happening – sollen in dem Film auch die Schwulen ihr Fett abbekommen. Erste Verbände haben bereits protestiert, andere Gay-Aktivisten nehmen ihn aber in Schutz. Letzteres könnte tödlich sein für ein Konzept, das von der Empörung Betroffener lebt.

Erstaunlich ist, wie es Cohen gelingt, immer noch unerkannt seinen nichtsahnenden Opfern zu begegnen. Nahezu jeder kennt ihn aus „Borat“ und müsste eigentlich mit dem Schlimmsten rechnen, wenn er ihn von weitem sieht. Andererseits sieht Brüno als glattrasierter Schwuler mit blond gefärbtem Haar völlig anders aus als der schwarzhaarige, etwas grobschlächtige Borat.

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