Säureprozess : Jahrelang Haushaltsgifte geschluckt

Von kleinauf musste Lea-Marie Essigessenzen und Kalklöser schlucken, damit ihre Mutter während der anschließenden Krankenhausaufenthalte Ruhe vor dem Kind hatte. Heute ist die Fünfjährige schwer traumatisiert.

Rostock - Im Prozess gegen die Eltern vor dem Rostocker Landgericht sagte am Dienstag die Psychologin Evelyn Werner aus, das Mädchen aus Teterow in Mecklenburg-Vorpommern habe im Sommer im Krankenhaus vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt von den Misshandlungen berichtet. Laut Geständnis der 27 Jahre alten Mutter hatte sie dem Kind vom Babyalter an 21 Mal Essigessenz und Kalklöser unter Zwang eingeflößt.

Im ersten Gespräch mit der Psychologin und Polizisten habe Lea-Marie erzählt, dass die Handlungen der Mutter sehr schlimm für sie waren und mit großen Schmerzen verbunden. Jetzt brauche das Mädchen selbst Schutz, sagte die Gutachterin. Schon beim zweiten und dritten Treffen habe sich das Mädchen geweigert, zu sprechen. Eine Aussage vor Gericht wäre ein hoffnungsloses Unterfangen.

Im Greifswalder Kinderkrankenhaus, beim 27. stationären Aufenthalt von Lea-Marie, habe das Mädchen detailliert berichtet, wie sie von der Mutter auf den Boden gedrückt und ihr "böser", mit Haushaltsgiften versetzter Tee eingeflößt wurde. Die körperliche Gewalt habe das Kind am Teddy auf dem Krankenbett demonstriert. Auf Geruchsproben von Essig und Kalklöser habe das Mädchen entsetzt reagiert und angefangen zu weinen.

Hauen und Anschreien waren "Normalität"

Zur Tatbeteiligung von Vater und Mutter sagte die Psychologin, die Erlebnisse seien so gehäuft gewesen, dass das Kind jetzt vieles vermische. Obwohl der Vater immer bestritten habe, von den Misshandlungen gewusst und selbst an den Schlägen beteiligt gewesen zu sein, müsse von einer Dunkelziffer ausgegangen werden. Erziehungsmethoden wie Hauen und Anschreien seien gang und gäbe gewesen, "das war für das Kind Normalität", sagte die Gutachterin.

Im Prozess müssen sich die Eltern wegen schwerer Körperverletzung und Misshandlung sowie wegen Versicherungsbetrugs verantworten. Die Mutter sitzt seit Bekanntwerden der Vorfälle im Sommer in Untersuchungshaft. (tso/ddp)

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