Welt : Sag Njet zu Barbie

Eine 15-jährige Russin mit üppigeren Formen hätte beinahe die Miss-Wahl gewonnen – wie ihr Sieg verhindert wurde

Jens Mühling[Moskau]

Demokratische Experimente erzielen in Russland nicht immer den gewünschten Erfolg. Weltweit laufen zurzeit die Vorausscheidungen für die diesjährigen Miss-Universe-Wahlen in Ecuador. Das mit der Kür der russischen Kandidatin beauftragte Unternehmen „Rambler" wollte die Vorauswahl diesmal so volksnah wie möglich gestalten: Alle Russinnen, die sich zur schönsten Frau des Universums berufen fühlten, konnten ihr Bild unter „www.miss.rambler.ru“ positionieren, die Abstimmung erfolgte per Mausklick.

Unter all den ranken, langbeinigen Frauen tauchte plötzlich das Foto einer 15-jährigen Moskauerin auf, die absolut nicht wie eine Miss Universum aussieht: Aljona Pisklowa ist mindestens zehn Zentimeter kleiner und zehn Kilo schwerer als das Gros ihrer Mitbewerberinnen, und während die Maße der übrigen Kandidatinnen nur um wenige Zentimeter vom Ideal 90-60-90 abweichen, lautet die Zahlenreihe unter Aljonas Bild: 90-75-100. Umso größer war die Überraschung, als es dem pummeligen Teenager gelang, innerhalb weniger Tage sämtliche Mitbewerberinnen aus dem Feld zu schlagen. Allein am ersten Tag der Ausscheidung votierten über 10000 Russen für die unorthodoxe Kandidatin, im Halbfinale lag sie mit uneinholbarem Stimmenvorsprung auf dem ersten Platz.

Unfairer Rausschmiss

Was ist mit den Männern los? Haben die plötzlich eine Frauenbewegung gegründet? Oder stehen sie in Wirklichkeit auf mollige Frauen und gaben das bisher nicht offen zu? Eine spontan gegründete Bewegung namens „Sag Nein zu Barbie" hat Aljona zu ihrer Galionsfigur erkoren und aus den Miss-Wahlen im Handumdrehen ein Forum für globalisierungskritische Inhalte gemacht. Aljona, so heißt es auf „www.stopbarbie.org.ru“, der hastig zusammengezimmerten InternetSeite der Bewegung, stehe für ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem „Schönheitsterror internationaler Konzerne“.

Wer für Aljona ist, der sei gegen standardisierte Körpermaße, gegen geheucheltes Kameralächeln, gegen billige Pop-Musik und besinnungslosen Konsum, gegen entkoffeinierten Kaffee und Zigaretten ohne Nikotin. Und wer gegen Barbie sei, der sei für Individualität und den Glauben an die eigene Besonderheit. Innerhalb kürzester Zeit erreichte die Bewegung einen Zulauf, von dem politische Parteien in Russland nur träumen können: Fast 40000 Menschen votierten im Laufe der Vorausscheidung für Aljona, die meisten vergaben die Höchstwertung von fünf Punkten.

Doch wie meistens, wenn sich in Russland der Bürgersinn allzu kapriziös gebärdet, machte auch diesmal ein Befehl von oben dem Spuk ein Ende: Kurz vor dem Finale wurde Aljona disqualifiziert, angeblich wegen ihres zu geringen Alters. Aus den Kreisen der Wahlveranstalter verlautete jedoch, der amerikanische Miss-Universe-Konzern „Firebird Productions" habe den russischen Partner unter Druck gesetzt. Offenbar hatte dort die Vorstellung, dass ein kleines, dickes Mädchen die alljährliche Körperschau desavouieren könne, milde Panik ausgelöst.

Zur Besänftigung der Fans wurde der unliebsamen Bewerberin immerhin eine Art Publikumspreis verliehen. Aljona selbst, deren Foto von einer Freundin ins Internet gestellt worden war, sieht die ganze Affäre gelassen: Sie freue sich über die enorme Unterstützung, sagte sie in einem Interview mit den Betreibern des Anti-Barbie-Forums, aber in erster Linie liege ihr zurzeit ihr Schulabschluss am Herzen. Zwar gab sie ihr Konterfei für ein Protest-T-Shirt im Che-Guevara- Stil frei, den Zielen der Globalisierungsgegner fühlt sich die Moskauerin aber nur bedingt verpflichtet: Von der Miss-Universe- Kommission ließ sie sich ausgerechnet einen Karaoke-CD-Player schenken.

Iwan Sasurskij, der Vorsitzende der russischen Auswahlkommission, hat nun in einem offenen Brief an die Anti-Barbie-Gemeinde um Verständnis geworben. Darin bat er die Aktivisten, die Miss-Universe- Wahl auch nach Aljonas Ausscheiden nicht zu ignorieren: Bestimmt fände sich auch unter den übrigen Kandidatinnen „ein Mädchen mit eigenen Meinungen und ungewöhnlicher Schönheit". Damit stößt er auf wenig Gegenliebe: Die Barbie-Gegner wollen auch nach Aljonas unfairem Rausschmiss weiter gegen den „Barbie-Terror“ ankämpfen. Wenn sie es ernst meinen, wäre hätte Russland vielleicht eine neue Bürgerbewegung.

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