Welt : Saint-Exupéry: Prinzenrolle (Kommentar)

Jörg von Uthmann

Mozartkugeln und Schillerlocken hatten wir schon. Auch der Goetheknochen (os intermaxillare) ist zumindest Gesichtschirurgen bekannt. Neu ist dagegen der Saint-Exupéry-Flughafen. Von heute an trägt der Flughafen von Lyon diesen Namen. 200 französische Bürgermeister wohnen der feierlichen Taufe bei. Vor der Zeremonie werden 50 Montgolfieren, wenn es das Wetter erlaubt, behinderten Kindern zu ihrem ersten Flug verhelfen. Wie nicht anders zu erwarten, heißt das barmherzige Unternehmen "Der kleine Prinz". Dies ist auch der Titel einer Oper des 36jährigen Komponisten Nikolaus Schapfl, auf deren Uraufführung sich die Münchner freuen. Die in Paris vorbereitete Ausstellung trägt dagegen den Titel "Der letzte Flug". Natürlich bringt die französische Post eine Sonderbriefmarke heraus. Und natürlich sind zum 100. Geburtstag von Antoine de Saint-Exupéry eine Reihe neuer Bücher erschienen.

Die stärkste Aufmerksamkeit fand der autobiografische Roman "Mémoires de la rose" seiner Frau Consuelo. Bisher wurde die aus San Salvador stammende Schönheit, die ihren berühmten Mann um 35 Jahre überlebte und von sich behauptete, das Vorbild der vom kleinen Prinzen angebeteten Rose zu sein, von den Adepten als Leichtgewicht abgetan. Doch jetzt beugen sie sich mit ernstem Forscherblick über das unlängst in einem Koffer aufgefundene Manuskript.

Rechtzeitig zum Jubiläum wurden auch Wrackteile des Flugzeugs gesichtet, in dem der dichtende Pilot am 31. Juli 1944 über dem Mittelmeer aufgestiegen und spurlos verschwunden war. Schon im September 1998 hatte ein korsischer Fischer ganz in der Nähe ein silbernes Armband gefunden, auf dem die Namen von Antoine und Consuelo eingraviert waren. Kurz, Frankreich feiert seinen erfolgreichsten Dichter mit dem Pomp, der ihm gebührt. So scheint es jedenfalls. Doch wer genauer hinsieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Feiernden mehr der Not gehorchen als dem eigenen Triebe.

In einer Zeit, in der sich die französische Literatur im Ausland immer schlechter verkauft und jeder noch so bescheidene Erfolg wonnetrunken ausposaunt wird, verbreitet der Spitzenreiter, dessen Millionenauflagen Proust, Gide und Sartre weit in den Schatten stellen, Verlegenheit.

Das hat zum einen literarische Gründe. Schon vor vielen Jahren fragten sich gegen den Strom schwimmende Geister wie Jean-Francois Revel, ob der jedem französischen Schulkind geläufige "Kleine Prinz" wirklich entzückenden Tiefsinn enthält oder vielmehr infantilen Kitsch, wenn nicht gar "Kretinismus aus dem Cockpit". Anderen bereitet die Botschaft, die der gräfliche Flieger verkündet, Unbehagen. Mit Ernst Jünger ist "Saint-Ex", dessen Kriegserlebnisse nicht einmal zwei Monate dauerten, zwar nur bedingt zu vergleichen: Die Abenteuer, die er in "Südkurier" (1929), "Nachtflug" (1931) und "Wind, Sand und Sterne" (1939) beschreibt, hatte er als Pilot der Aéropostale, der legendären Luftpostlinie nach Südamerika, erlebt. Doch das erhabene "Herrengefühl für einige Stunden", das ihn bei diesen Flügen überkommt, die Verklärung der Lebensgefahr und des heroischen Opfers ist von dem "prächtigen, blutigen Spiel", das der deutsche Ritterkreuzträger preist, nicht allzu weit entfernt.

Auch seine politische Haltung entsprach nicht dem, was die französischen Intellektuellen von einem der ihren erwarten. Im Spanischen Bürgerkrieg weigerte er sich, für eine der beiden Seiten Partei zu ergreifen. Im Zweiten Weltkrieg entzog er sich zwar den Umarmungsversuchen der Vichy-Regierung und setzte sich nach Amerika ab. Doch ließ er sich ebenso wenig von den Gaullisten vereinnahmen. Schwer zu sagen, was ihn, der längst außer Übung und für die Fliegerei viel zu dick war, dazu trieb, sich in den letzten Kriegsmonaten noch einmal hinter den Steuerknüppel zu setzen. Die deutschen Militärdienststellen verzeichneten am 31. Juli 1944 keinen Abschuss über dem Mittelmeer. War sein Verschwinden wirklich nur ein Unfall? Oder hatte er aus Sehnsucht nach dem "Herrengefühl" den Heldentod gesucht? "Überwältigend unbeantwortbar", wie der Kollege Gottfried Benn derartige Fragen nannte.

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