Samantha Cameron : Im Herzen ein Hippie

Samantha Cameron könnte Großbritanniens First Lady werden – große Lust hat sie dazu nicht. Sie bringt dem Tory-Chef nahe, was die Briten wirklich umtreibt.

Matthias Thibaut[London]
307766_0_d204a4f8.jpg
Ein Kleid sagt mehr als 1000 Worte. Nicht mehr als 65 Pfund kostete das Tupfenkleid, das Samantha Cameron, die Frau des britischen...Foto: AFP

Sie hat einen noch besseren Stammbaum als ihr Mann, sie kennt mehr Popsongs als er und verdient mit ihrem Vier-Tage-Job als Kreativchefin der Nobelmarke Smythson doppelt so viel wie er. Ihre Handtasche „Nancy“ wurde von Madonna getragen, sie gewann einen Designpreis, führende Kandidatin für den Titel „Promi-Mama des Jahres 2009“ ist sie auch.

Und immer noch schreiben die Zeitungen über das Tupfenkleid, dass Samantha Cameron, die Frau des britischen Oppositionsführers David Cameron, auf dem Tory-Parteitag Anfang des Monats in Manchester trug. Während David am Tag der großen Rede einen Maßanzug im Wert von 3500 Pfund trug, kam Samantha in dem 65-Pfund-Fähnchen von Marks & Spencer und Schuhen von Zara für 29 Pfund. Sie wurde die Modesensation des Jahres. „Sam Cam“, die Meisterin des „Street Chique“: Treffsichere Eleganz, die den Vergleich mit einer Carla Bruni nicht scheuen muss, aber aus den Modeketten kommt, wo alle Briten kaufen.

Wer könnte bezweifeln, dass sie als britische First Lady alle Vorgängerinnen in den Schatten stellen würde, sogar die ehrgeizige Cherie Blair, wenn ihr Mann im kommenden Jahr die Unterhauswahl gewinnen sollte? Nur scheint Samantha nicht die geringste Lust auf den Job zu haben. Als die Camerons vor ein paar Jahren umzogen und ein freundlicher Nachbar auf den Möbelwagen zeigte und sagte: „Die nächste Station wird Downing Street“, soll die Tochter eines Barons in ihrem besten Upperclass-Englisch zurückgeflötet haben: „I fucking hope not.“

Die Frau von David Cameron steht also mit beiden Beinen fest im Leben. Sie wurde 1971 in eine Großgrundbesitzerfamilie geboren, genoss die beste Erziehung und lernte David Cameron 1992 bei einem Familienurlaub der Camerons in der Toskana kennen. Sie war 21, Kunststudentin, und ihre Freundin Clare, Davids Schwester, hatte sie eingeladen. Eigentlich, sagten damals alle, passten die beiden nicht zusammen. David, fünf Jahre älter, ernst und strebsam. Samantha, fröhlich, ausgelassen, im Herzen ein Hippie. Es war, gab sie zu, Liebe auf den ersten Blick.

Cameron erkannte wohl schnell, was er an der hübschen Kunststudentin hatte. „Sie kommt aus einer langen Ahnenreihe starker Frauen, die am richtigen Platz waren, als die richtigen Gene ausgeteilt wurden“, wird eine Freundin in der Cameron-Biografie von Francis Elliott und James Hanning zitiert. Vier Jahre später, 1996, heirateten die beiden. Von Politik wollte Samantha immer noch nichts wissen, aber sie wurde nun Camerons beste Beraterin und seine direkte Verbindung zu dem, was die Leute wirklich umtreibt. Eine Politikerfrau nur aus Liebe, „weil es ihm wichtig ist“.

Sie mag die Tochter eines Barons sein und von Nell Gwyn, der Mätresse König Charles II, abstammen, aber als Studentin in Bristol war sie mit dem Rapper Tricky befreundet und spielte im „Montpellier Pub“, wo Biker und Drogenhändler verkehrten, Pool-Billard. „Sie erwähnte nie, dass sie die Tochter eines Barons war. Ich hätte das nie geraten“, sagte Tricky später.

Als 2002 das erste Kind der Camerons, Ivan, mit schweren Behinderungen geboren wurde und die Welt der beiden zusammenzubrechen schien, wurden David und Samantha Cameron erst recht zusammengeschweißt. „Sie waren einander unglaublich nahe und beschlossen einfach, eine glückliche Familie zu sein, was immer passieren würde“, berichtet ein Freund der Familie. Aber erst mit der Geburt der gesunden Tochter Nancy habe Samantha ihre Fröhlichkeit wiedergefunden, schreiben die Biografen. Die Camerons haben jetzt zwei junge Kinder, Nancy und Arthur. Ivan starb in diesem Jahr. Cameron sprach über den Tod des Sohnes kurz in seiner Parteitagsrede. Wenn in einer Familie die „Uhren stehen bleiben“, sagte er, dann denke man an das, was einen wirklich durchs Leben trägt. „Sie sitzt hier“, deutete er dann auf Samantha, „und ich bin unglaublich stolz, dass sie meine Frau ist.“

Vielleicht hat Samantha ihre Lebensstärke von ihrer Mutter Annabel geerbt, einer gefeierten Salonlöwin, die als Inhaberin eines Juwelierladens schon früh harte Geschäftstüchtigkeit bewies und nach ihrer Scheidung von Samanthas Vater Reginald Sheffield den noch blaublütigeren Lord Astor heiratete. Heute ist Lady Astor Geschäftsführerin einer Edeldesign-Ladenkette, Oka, an der auch Samantha Anteile hat.

Beim zurückliegenden Tory-Parteitag gehörte sie zum engen Kreis derer, die an der großen Rede des Vorsitzenden feilen durften. Nicht um Ideen zu liefern – „sie sagt mir, wenn es zum Einschlafen wird“, erzählte Cameron.

Wird Samantha Cameron, wenn ihr Mann britischer Premierminister werden sollte, ihre Unabhängigkeit behalten, ihren Job, ihren Motorroller, ihre Rolle als „arbeitende Mutter“? Einfach wäre das nicht. Als sie 2007 mit einer Fotostrecke für das US-Magazin „Harper’s Bazaar“ Werbung für Smythson machte, warfen ihr Labour-Politiker vor, sie missbrauche die Position ihres Mannes für ihre eigenen kommerziellen Zwecke – „schlimmer als Cherie Blair“. David Cameron eilte ihr zu Hilfe. „Sie ist fantastisch in ihrem Job“, konterte Cameron, „es muss heute doch möglich sein, dass ein Premier mit einer solchen Frau verheiratet ist.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar