Welt : Sand: Wie kommt er an den Strand?

Walter Schmidt

Strandbäder schließen, die Bauwirtschaft bricht zusammen. Kinder sitzen mit ihren Schippen jammernd in leeren Holzkisten. Glaser verlieren den Job, und der Computerindustrie wird der Rohstoff für die Siliziumchips knapp. Das wären nur einige von zahllosen Folgen einer Welt ohne Sand. Wie vieles, was häufig vorkommt, gilt er uns wenig, und das zeigt schon die Sprache: Wer uns gefährlich wird, dem schütten wir Sand ins Getriebe. Und wertvoll kann schon gar nicht sein, was es gibt wie Sand am Meer.

Sand liegt einfach so rum. Dabei gibt es ihn eigentlich gar nicht. Weder ist er ein bestimmtes Mineral noch ein chemisches Element, Sand ist Lockergestein mit festgelegter Korngröße. Experten sprechen von Sandkörnern, wenn diese kleiner als zwei und größer als 0,063 Millimeter sind. Darunter handelt es sich um Pulver oder Staub, das heißt, Geologen sprechen von Schluff oder Ton. Bestehen kann Sand "aus allem Möglichen", sagt der Geomorphologe Ulrich Radtke vom Geographischen Institut der Universität zu Köln. Aus Quarz zum Beispiel, wenn der Sand milchig, fast durchsichtig ist. Quarz ist Siliziumoxid, ein Mineral, aus dem fast 70 Prozent des Festlandes besteht. Es gibt auch Basalt-Sande aus vulkanischem Ergussgestein, Kalksande oder Mixturen aus mehreren Mineralen.

Ihre ersten Erfahrungen mit Sand am Meer machen viele Deutsche an den Stränden von Nord- und Ostsee, wo Ebbe und Flut mächtige Sandlagen abwechselnd offen legen und verbergen. Angenommen die Alpen lägen ein gutes Stück weiter nördlich, so zwischen Köln und Rostock, nichts wärs mit dem Sandstrand an der Küste. Rhein, Weser, Elbe und die Ostsee-Zuflüsse wären dann viel kürzer als heute und hätten bis zum Münden im Meer gar keine Zeit, ihre Flussschotter aus dem Gebirge zu Sandkörnchen zu zermahlen. Das passiert nämlich, wenn Kiesel im strömenden Wasser über das Flussbett holpern, sich an ihm und aneinander reiben und so allmählich zerfallen.

Wenn die Nordsee vor den Alpen läge

Damit Sand entstehen kann, muss der Transportweg über die Flüsse lang genug sein - es sei denn, die Gebirge im Hinterland enthielten selber schon viel Sandstein, der auch auf kurzem Wege zerbröseln kann. Und auch umgekehrt gilt: "Wenn die Nordseeküste bei München läge, hätte sie einen Geröllstrand", sagt Ulrich Radtke. Geröllküsten gibt es zum Leidwesen der örtlichen Tourismus-Branche viele: Madeira etwa weist keinen Sandstrand auf.

Die wichtigste Zutat im Meeressand der Nord- und Ostsee ist Quarz. Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens schleppen die Flüsse Körner und Kiesel zur Küste, die aus quarzreichen Gebirgen stammen. Der Rhein etwa bezieht seine Fracht aus quarzhaltigen Granit-, Quarzit- und Sandsteinbergen der Mittelgebirge und Alpen; die Elbe entwässert zum Beispiel das Elbsandsteingebirge und sägt sich mit ihren Nebenflüssen wie der Oder in sandige Grundmoränen eiszeitlicher Gletscher ein. Der zweite Grund für die Dominanz von Quarz an deutschen Küsten ist simpel: "Er verwittert nur schwer", sagt Radtke. Andere Gesteinsminerale bleiben auf den weiten Transportwegen bis zur Küste seltener in Sandkorngröße übrig.

Quarzsand ist ein geschätzter Rohstoff. Im Tagebau wird er etwa in Frechen bei Köln abgebaggert. Knapp 60 Prozent des weißen Sediments nehmen die Glas- und Glasfaserindustrie ab, 20 Prozent verbrauchen Gießereien, die aus dem Sand Gussformen fertigen. Aus dem Rest werden Porzellan-Glasuren, abriebfeste Farben für Zebrastreifen, Ceran-Kochfelder oder Zusätze für Zahnpasta. Begehrt ist reiner Quarzsand auch für die Fertigung von Solarzellen und für Rohsilizium, einem Halbleiter, aus dem Mikrochips hergestellt werden - weltweit eine 150 Milliarden US-Dollar schwere Branche.

Nicht überall macht der Quarzsand das Rennen auf dem Weg in die Meere. An der Pazifik-Küste der USA ist der Sand oft dunkelgrau, weil die Flüsse Basaltkörner vulkanischen Ursprungs heranschleppen. Lockeres Auswurfgestein aus Vulkanschloten ist der Ursprung der dunklen Sandstrände auf den liparischen Inseln Süditaliens, etwa auf Stromboli. Und weil der schwarze Sand sich unter der Sonne stärker aufheizt, verbrennt man sich dort leichter die bloßen Füße. Weniger hitzig sind die schneeweißen Sandstrände auf Barbados, die Karibikinsel ist "zu 86 Prozent aus Korallenkalken aufgebaut", sagt Ulrich Radtke. Dort liegen Urlauber vor allem auf Sanden aus zerriebenen Muschelschalen, Kalkalgen und Korallen.

Doch wieso kann man selbst auf der ostfriesischen Insel Norderney oder im mecklenburgischen Seebad Kühlungsborn Strandburgen bauen? Sind sie doch etliche Kilometer abseits der großen Flüsse mit ihrem Sand im Gepäck. Es ist das Meer selbst, das den beliebten Buddel-Baustoff an die Strände schafft. Noch während Flüsse den Sand ins Meer schütten, verteilen ihn dessen vom Wind angeschobene Strömungen entlang der Küstenlinie. Hinter Landvorsprüngen, wo die Strömung wie im Stillwasser von Fluss-Buhnen nachlässt, setzt sich der Sand ab und bildet Haken - mustergültig zu sehen bei der Landzunge Hela in der Danziger Bucht. Wachsen die Sandhaken weiter, können sie ganze Buchten abriegeln. So entstanden die Haffküsten und die Nehrungen, wie der Darß, an der Ostsee.

Strände können auch wieder verschwinden. Ein schöner Badestrand hält sich nur, wenn "so viel Sand nachgeliefert wie weggespült wird", erklärt der Geograph Radtke. Unterbrechen Staudämme im Fluss die Sandzufuhr oder verändern Betonbuhnen oder Schiffsmolen an der Küste den Nachschub an Sedimenten, kann das für einen nahen Sandstrand das Aus bedeuten.

Beim ewigen Werden und Vergehen von Gesteinen ist Sand nur ein Glied in der Kette. Der Stoff, auf dem wir heute am Meer unser Badehandtuch ausbreiten, war Wochen zuvor vielleicht noch Teil eines Gebirges - und kann es in ferner Zukunft andernorts erneut werden. Denn einerseits entsteht Sand, wenn Gebirge durch Wind und Wetter zerrütten, andererseits kann er dort, wo er sich ablagert, nach Millionen von Jahren neue Berge aufbauen helfen. Durch Bewegungen in der Erdkruste beispielsweise können auch Sandschichten an der Küste absinken und von mächtigen Lagen aus Meereskalken, Tonen oder Geröllen überdeckt werden. Die Sandpakete heizen sich in der warmen Erdtiefe und durch die drückende Auflast so sehr auf, dass ihre Körner miteinander verbacken.

Im Teutoburger Wald können Wanderer Reste einer Küste besichtigen, an die seit zigmillionen Jahren keine Wellen mehr branden. "Der Hermanns-Weg dort verläuft auf einem früheren Sandstrand aus der frühen Kreidezeit vor rund 100 Millionen Jahren", sagt Ulrich Radtke. Die bizarren Felstürme der Externsteine waren einmal simpler Sand am Meer - und Korn für Korn werden sie das auch wieder.

Sandstrand in der Wüste

Andere Meere, wenn auch keine echten, bestehen gleich ganz aus Sand. Schon wer "Wüste" hört, vor dem türmen sich imposante Dünen auf. Doch Wüsten sind eher selten aus Sand. "Nur etwa ein Siebtel der Sahara ist Sandwüste, der größere Teil ist übersät von Kies oder Felsschutt", sagt die Wüsten-Expertin Helga Besler von der Universität Köln. Nicht viele Menschen haben Sand so akribisch unter dem Mikroskop beäugt wie die Kölner Geographie-Professorin. Aus der Form seiner Körner und aus winzigen Kratzern und Dellen liest sie heraus, was der jeweiligen Sandprobe alles widerfahren ist, ob sie etwa in einem Fluss unterwegs war oder vom Winde verweht wurde.

In der Sahara liegt der meiste Sand laut Besler dort, "wo vor mindestens 10 000 Jahren riesige Flüsse mit Nebenläufen ihre Sandfracht in abflusslose Becken geschüttet haben". Das Meer haben diese Flüsse "nie erreicht", ihr Wasser ist schlicht versickert und verdunstet. Den Sand müssen die Ströme über weite Strecken herangeschleppt haben, sonst wäre der ursprünglich grobe Gebirgsschutt nicht so fein vermahlen. Wüstenwinde formen den Sand ständig um, türmen ihn zu Dünen auf, die ihre Gestalt ständig ändern. Manche von ihnen wandern sogar um einige zehn Meter pro Jahr voran. Sie können fruchtbares Ackerland erobern und Dörfer überrollen.

Wie die Düne wandert

Doch der Anteil wandernder Dünen ist eher gering. Nur an wenigen Orten ist zweierlei erfüllt: Der Wind muss beständig aus einer Richtung wehen und den Sand über festen Untergrund treiben. Und grundsätzlich können Sanddünen nur vorrücken, wenn keine Gräser oder gar Bäume auf ihnen wachsen und sich mit ihrem Wurzelwerk im lockeren Untergrund festkrallen.

So bedrohlich aber Wanderdünen für Wüstendörfer sein mögen: Wenn in Spielfilmen zu sehen ist, wie der Schurke am Ende gerechterweise im Dünensand versinkt, dann bindet der Regisseur den Zuschauern einen Bären auf. Versinken können Unvorsichtige nur in so genanntem Quick- oder Treibsand - vor allem, wenn sie in Panik wild mit allen vieren rudern und sich so selber eingraben. Doch anders als Dünen enthält Quicksand immer Wasser, nur deshalb kann er beim Betreten wabern. In der Wüste kommt er nur in Flussbetten, den Wadis, vor, die oberflächlich austrocknen, gelegentlich aber völlig überraschend von Sturzfluten durchrauscht werden. Schon deshalb sollten Wüstenreisende "niemals in einem Wadi lagern", warnt die Sandforscherin Besler. Sie könnten sonst ertrinken.

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