Welt : Sandwich in der Krone

Vor 60 Jahren wurde Königin Elizabeth II. in der Westminster Abbey mit Pomp gekrönt.

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Strahlt wie früher. Die Queen bei einer Gartenparty am Donnerstag. Foto: Reuters
Strahlt wie früher. Die Queen bei einer Gartenparty am Donnerstag. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Die Briten feiern wieder ihre Queen. Überall hängen ihre Porträts. Man sieht sie auf neuen Briefmarken, am Flughafen Gatwick sind zwei riesige Porträts aus Tausenden von Fotos von Untertanen collagiert, die diese der BBC schickten – „The People’s Queen“ heißt das Kunstwerk. Das eine Bild zeigt die rüstige 87-Jährige von heute, das andere die 27-Jährige, die am 1. Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt wurde. Die strahlende junge Frau stand damals an der Pforte der alten Königskirche und sagte zu ihren Hofdamen, „Are you ready, girls“. Dann zog sie mit einer sechs Meter langen Schleppe zum Krönungsstuhl, den Eduard I. im Jahre 1300 zimmern ließ.

An diesem Wochenende denkt Großbritannien zurück an jenes Fest, die Kutschenprozession, den Regen und wie die Queen seither die Klammer einer Epoche war. Am Dienstag feiern die Royals in der Abbey. Premier David Cameron liest aus der Bibel, der Erzbischof von Canterbury zelebriert. Staat, Kirche und Monarchie zeigen sich als das Dreigestirn, das den Briten den Weg weist. Und alle werden auf den Bauch der hochschwangeren Herzogin von Cambridge sehen, wo ein neuer Monarch heranwächst, und sich fragen, wie es wohl weitergeht.

Was tun, wenn die Queen wegen Altersschwäche dienstunfähig wird, fragten die Zeitungen, als die Queen zum ersten Mal ihre Teilnahme am Commonwealth-Treffen absagte, weil ihr der Flug nach Sri Lanka zu lang ist. Soll sie zurücktreten, wie ihre holländische Amtskollegin? Soll Prinz Charles als „Prinzregent“ einspringen? Nur 33 Prozent wollen nach der jüngsten Umfrage eine Abdankung. Aber sollte die Queen zu krank werden, wollen 48 Prozent, dass sie abdankt und nur 43 Prozent glauben, dass sie Queen bleiben und von Charles als Regent vertreten werden sollte.

Die Regent Street, die ihren Namen dem letzten Prinzregenten verdankt, dem späteren George IV. (1762–1830), ist für das Krönungsjubiläum jetzt mit 189 Standarten, purpurrot und goldverbrämt, geschmückt. Auch die Stelle, wo damals Ivy Cakebread mit ihrer Familie 28 Stunden lang stand, um der neuen Queen zuzujubeln wie drei Millionen Menschen, die damals die extra lange Prozessionsroute säumten.

Seit der Thronbesteigung im Februar 1952 liefen die Vorbereitungen für die „größte Schau der Welt“. Premier Churchill wollte möglichst lange warten, damit sich die kriegsgeschwächte Wirtschaft noch etwas erholen konnte. Zucker, Eier und Würste waren immer noch rationiert. Am Abend des Krönungstages sprach Churchill wieder mit besonderem rhetorischen Schwung im Radio: „Die Vorsehung hat uns eine strahlende Figur geschenkt, in Zeiten, wo die Gegenwart hart und die Zukunft ungewiss ist“, sagte er. Die BBC plante die erste Live-Übertragung eines Großereignisses in der Fernsehgeschichte. 38 Monarchen wurden in der Westminster Abbey gekrönt, und die Noblen waren unter sich. Nun sollten alle an der Krönung teilnehmen. Tausende kauften ihren ersten Fernseher und luden Freunde und Nachbarn zu Krönungspartys ein. Das Fernsehzeitalter begann.

Ivy Cakebread war schon am 1. Juni, einem Montag, gekommen. „Alle kauften Zeitungen, um auf ihnen zu sitzen oder die Köpfe vor dem Regen zu schützen“, erinnerte sie sich für die Lokalzeitung „Aylesbury Vale Times“. „Wir sangen, lachten und bekamen nicht viel Schlaf. Wenn eine zum Klo musste, hielten Nachbarn den Platz frei. Aber die Toilettensituation wurde bald schwierig und die Schlangen immer länger. Zuletzt wurden die Herrentoiletten für Frauen geöffnet. Wo wohl die Herren hingingen?“

Gute Blasenkontrolle brauchten auch die 8251 Gäste in der Westminster Abbey. Die ersten kamen kurz nach 6 Uhr. Der Gottesdienst begann um 11.15 Uhr und dauerte drei Stunden. Alles war bis ins Detail einstudiert, wie immer, wenn die Windsors feiern. Der Duke von Norfolk, der als „Earl Marshal of England“ Zeremonienmeister war, überließ nichts dem Zufall. „Wenn die Bischöfe nicht bald lernen, im Gleichschritt zu marschieren, müssen wir die ganze Nacht bleiben“, wetterte er bei der Probe.

Die höchsten Adligen trugen die Krönungsregalien zum Altar. Den Stab des Heiligen Eduard, das Zepter mit dem Kreuz, die goldenen Sporen, die Schwerter der weltlichen Gerechtigkeit, der Gnade und der himmlischen Gerechtigkeit, das Staatsschwert, das Zepter mit der Taube, die Krone Sankt Eduards, den Reichsapfel, die Utensilien für das Heilige Abendmahl, die Bibel. Das dauerte. Viele Lords hatten Sandwiches in ihren mit rotem Samt bedeckten goldenen Kronen versteckt.

Im Krönungseid schwor Elizabeth II., über ihre Völker von Australien bis Pakistan zu herrschen, das Evangelium zu schützen und die Protestantische Kirche von England zu bewahren. Die einzige Neuerung an dem 900 Jahre alten Ritual war, dass der Führer der unabhängigen Kirche von Schottland der Queen eine Bibel reichen durfte. Wäre eine so exklusive Zeremonie im 21. Jahrhundert noch tragbar, vor allem, wenn ein König gekrönt wird, der wie Charles betagt, angefeindet und umstritten ist?

Als Charles vor acht Jahren erklärte, er wolle Beschützer aller Religionen und Glaubensgemeinschaften sein, ging ein Ruck des Entsetzens durch die „Church of England“. Nun, schreiben die Hofkorrespondenten, lenke die Staatskirche langsam ein. Nicht nur die Schotten, Vertreter aller Glaubensrichtungen sollen an der Krönung mit zeremoniellen Handreichungen beteiligt werden, um die „spirituelle Vielfalt des modernen Großbritanniens“ zu spiegeln.

Eine Prozession wie 1953 werden die Briten aber nicht mehr zustandebringen. „Wir haben nicht einmal genug Soldaten, um die Strecke zu säumen“, glaubt Robert Morris vom Verfassungsinstitut der Universität London. Damals führte die Strecke um St. James, am Hyde Park entlang in die Oxford Street und durch die Regent Street zurück. Unvergessen ist die Königin des pazifischen Inselreiches Tonga, Mafile’o Pilolevu Tupou III. Die füllige 1.90 Meter große Dame bestand darauf, lachend und winkend in offener Kutsche durch den Londoner Regen zu fahren. „Als sie vorbeifuhr, kam die Sonne heraus“, erinnert sich Ivy Cakebread. Es war die letzte imperiale Krönung, die man in London gesehen hat.

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