Welt : Savoyer: Prinz der Fettnäpfchen

Werner Raith

Es war schon ein beeindruckendes Erlebnis, wundert sich "La Repubblica", wie da "auf einmal die ganze Nation aufsprang und sich verneigte. Ausgerechnet vor einem der Mitglieder jenes Königshauses, das 1948 in der republikanischen Verfassung mit ewiger Verbannung belegt worden ist." Der Tod der 94-jährigen Maria Jose, Gattin des letzten herrschenden Savoyers auf Italiens Thron, schien alle Polemiken gegen das Herrscherhaus weggefegt zu haben, das einst wegen "Feigheit vor dem Feind" geächtet worden war. Schließlich war König Viktor Emanuel III. 1943 vor den Deutschen ausgerissen und hatte Volk und Soldaten im Stich gelassen.

Die neue Milde der Italiener scheint sich nun auch auf alle anderen Mitglieder der "Casa Reale" auszudehen. So formiert sich eine bisher nie dagewesene Koalition von Links bis Rechts (mit Ausnahme der Kommunisten), um jenen Übergangsartikel der Verfassung aufzuheben oder zu umgehen, der allen männlichen Nachkommen des Königshauses die Einreise nach Italien verweigert. Waghalsige Vorschläge machen die Runde. Etwa eine "Erklärung, dass dieser Verfassungsartikel überholt sei" (Regierungschef Amato) oder, wie die Rechtsopposition fordert, die Feststellung der "Verfassungswidrigkeit des Verfassungsartikels", der im übrigen vom Europäischen Gerichtshof ausdrücklich bestätigt wurde.

Das Hauptproblem wird aber am Ende nicht die rechtliche Konstruktion sein - das Hauptproblem sind die Savoyer selbst mit ihrer Fähigkeit, sich jeweils im letzten Moment noch ein Bein zu stellen. So konnte das Problem in den 70er und 80er Jahren nicht diskutiert werden, weil der direkte Erbe Vittorio Emanuele di Savoya (64) im Exil angeblich aus Versehen einen deutschen Studenten erschossen hatte und die Justiz jahrelang brauchte, das "Versehen" in einen Freispruch umzumünzen. Seither hat Vittorio Emanuele seinen immer wieder betonten Anspruch auf den Thron stark abgemindert und sogar eine Art Loyalitätserklärung der Republik gegenüber nicht mehr ganz ausgeschlossen - da tritt nun immer wieder sein Sohn Emanuele Filiberto (29) auf: Ein hübscher, langhaariger, eher soft aussehender Jüngling, der mit einem untrüglichen Sinn für Fettnäpfchen ausgestattet scheint. So waren sich Politiker und Verfassungskundler vor zwei Jahren einig, den Verfassungsartikel zwar bestehen zu lassen, ihn aber "bis auf weiteres auszusetzen" - gutes Benehmen der Savyoer vorausgesetzt. Und das hieß: keine Politik betreiben und keine Ansprüche erheben, weder auf Titel noch Ländereien oder Kronjuwelen. Da schob sich Emanuele Filiberto vor die Kameras und erklärte: Er komme gerne zurück ins Land seiner Väter, denn er könne sich sehr gut vorstellen, bald mal "König von Italien zu werden und mit starker Hand zu regieren".

Nun, nach der Welle von Zuneigung im Gedenken an Königin Maria Jose, hatte Vittorio Emanuele dem Prinzen ausdrücklich absolute politische Abstinenz verordnet. Daran hielt Filiberto sich denn auch - aber so ganz den Mund halten konnte er doch nicht. Dass er nicht König werden könne, verlautbarte er, "jedenfalls derzeit nicht", habe er eingesehen. Aber dafür würde er nun gerne Präsident. Entsetztes Schweigen ringsumher - doch dann erklärte er schelmisch: "Natürlich nur Präsident eines Fußballvereines." Haha. Und da habe er auch schon einen ausgeguckt: den SC Neapel. Erleichterte Zustimmung allerseits: Neapel, seit Jahren eher im Fußballkeller, braucht dringend einen neuen Sponsor und auch eine frischere Führung; da es in der süditalienischen Stadt überdies seit den Zeiten des superreichen Reeders Achille Lauro viele Monarchisten gibt (die in den 50er Jahren sogar mehrere Abgeordneten stellten), schien der Königsspross dort vielleicht sogar am allerbesten aufgehoben.

Kaum waren alle zufrieden, da fand Filiberto wieder ein Fettnäpfchen: Natürlich werde er den Verein nicht gerade jetzt kaufen - solange der noch in der 1. Liga spiele, sei er ihm einfach zu teuer. Nein, er hoffe, dass der SC Napoli absteige, dann bekäme er ihn doch viel billiger. Seitdem ist die Tür jedenfalls in Neapel zu. Und die Politiker müssen neu einfädeln, um die savoyische Frage irgendwann doch noch endgültig zu lösen.

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