Welt : Schauspielerbiographie: Leitmotiv: Liebe

Rüdiger Schaper

Schauspielerbiographien sind eine wunderbare, aber äußerst problematische Angelegenheit - weil Schauspieler mit jeder Rolle ein Stück ihres Lebens neu erfinden. Noch schwieriger wird es, wenn man in die Vergangenheit geht. Niemand gerät so schnell in Vergessenheit wie der Mime. Ein Spezialist, ja ein Archäologe auf diesem Feld ist Klaus Völker. Seit 1993 leitet er die Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Er schreibt mit eindrucksvoller Beständigkeit an der "Biographie" des Theaters im 20. Jahrhunderts: Beckett, Kortner, Elisabeth Bergner, Hans Lietzau und vor allem Brecht hat Völker Bücher gewidmet.

Seine jüngste Ausgrabung ist Sadie Leviton, Schaupielerin aus dem Berliner Brechtkreis der zwanziger Jahre. Die Fotografien zeigen eine Frau mit scharfen Gesichtszügen, intelligenter Ausstrahlung und ungewöhnlicher Schönheit. Und das war ein Problem für die Anfängerin in Hamburg und in Frankfurt - begehrt war sie am Theater oft weniger wegen ihrer Talente. Der Heldendarsteller und Herzensbrecher Alexander Moissi machte sie zu seiner Geliebten und brachte sie zur Schauspielschule des Deutschen Theaters Berlin. Um die Jahreswende 1933/34 verließ die Jüdin ihren Mann Otto Mülleisert, einen Augsburger Jugendfreund Brechts, und ihr geliebtes Berlin. Sie hatte die Zeichen der Zeit gelesen, wie Brechts Judith Keith in "Furcht und Elend des Dritten Reiches". Dieser Szene entlieh Völker seinen Titel: "Ich verreise auf einige Zeit."

Sadie ging nach Argentinien. Verliebte sich in den Komponisten und Kabarettisten Rudolf Sachs. Ihre Liebesbriefe werden ausführlich dokumentiert. Erst Ende 1955 kehrte sie nach Berlin zurück, um Gottfried Benn und Brecht wiederzusehen. Sie lebte noch bis 1962, umsorgt von einem jugendlichen Freund. Die Liebe war Leitmotiv ihres Lebens - und ihre schwierigste Rolle: an der Seite eines Mannes, wie man so sagt.

Klaus Völkers Arbeit ist eine "recherche du temps perdu". Sadie Leviton war eine einzigartige Frau - diesen Eindruck vergisst man nicht. Ihre Eleganz, ihr Künstlertum waren stetig bedroht von Verfolgung und Bürokratie. Sie hat Glück gehabt, sie kam durch, sie wusste sich zu behaupten. Aber das Grauen stand neben ihr. Wie Brechts jüdische Frau sagt: "Was ist schlecht an der Form meiner Nase und der Farbe meines Haars? ... Und reden wir nicht von Unglück. Reden wir von Schande."

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