Welt : Scheiden tut weh

Die Trennung von Ehepartnern verdoppelt das Armutsrisiko bei Frauen – eine Bielefelder Studie

Julia Ziegler

Das Telefon fliegt gegen die Wand, die Teller werden zertrümmert und die Kleider aus dem gemeinsamen Schrank in den Koffer geworfen: Es reicht. Die Scheidung ist beschlossen, der Rosenkrieg steht vor der Tür. Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden, in Großstädten ist es jede zweite. 558 Buchtitel bietet der Internethändler amazon.de zum Thema Scheidung an – „Abgeliebt und abgezockt", „Zwischen Himmel und Hölle" oder „Geld – Checkliste Scheidung". Ratgeber sind begehrt, denn Scheidungen können arm machen. Das gemeinsame Leben muss in zwei Haushalte geteilt werden, Kosten für Gericht und Anwälte fallen an, und durch die neuen Steuerklassen für Nichtverheiratete müssen höhere Steuern bezahlt werden. Jahrelange Liebe endet im Kampf um Kinder, Besitz und Unterhalt. Die größten Verlierer bei einer Scheidung sind, wie jetzt eine aktuelle Studie belegt, die Frauen.

Der Bielefelder Soziologe Hans-Jürgen Andreß hat im Auftrag des Bundesfamilienministeriums eine Studie zu den wirtschaftlichen Folgen von Trennung und Scheidung durchgeführt. 1500 geschiedene Männer und Frauen wurden dafür in den letzten drei Jahren befragt – am Montag wurde die Studie unter dem Titel „Wenn aus Liebe rote Zahlen werden" veröffentlicht. Scheidung und Trennung zählen demnach zu den höchsten wirtschaftlichen Risiken neben Arbeitslosigkeit, Krankheit und niedriger Bildung. Bei Frauen wird das Armutsrisiko nach einer Trennung oder Scheidung fast verdoppelt. 34 Prozent der befragten Frauen lebten nach ihrer Scheidung unter der Armutsgrenze – gegenüber 20 Prozent zwei Jahre vor der Trennung. Die höchsten Verluste erleiden ältere Frauen, die lange verheiratet waren. Sie müssen nach der Trennung besonders starke Einkommensverluste verkraften, nehmen aber gleichzeitig seltener staatliche Leistungen in Anspruch.

Frauen ergreifen die Initiative

Trotz der finanziellen Risiken gehe die Scheidung in zwei Dritteln aller Fälle von den Frauen aus. Offensichtlich ist ihnen das persönliche Wohlbefinden wichtiger als die finanzielle Sicherheit. Die allgemeine Lebenszufriedenheit vieler Frauen ist ein Jahr nach der Trennung erheblich höher als die der Männer. „Beide Geschlechter verlieren bei einer Scheidung, aber bei Frauen sind die Verluste größer", so der Soziologe Hans-Jürgen Andreß. „Die Frauen betreuen in den meisten Fällen die Kinder, deswegen haben sie höhere Ausgaben. Die von den Vätern gezahlten Unterhaltskosten sind nicht hoch und oft zahlen sie gar nicht". Zwei Drittel der befragten Frauen, die Anspruch auf Trennungsunterhalt haben, erhalten keine Zahlungen. Den wenigen Männern, die Anspruch auf Unterhalt haben, geht es allerdings noch schlechter: Von ihnen bekommen fast 90 Prozent nicht das ihnen rechtmäßig zustehende Geld.

Die unvollständigen Zahlungen werden von drei Vierteln der Frauen hingenommen, ohne dass rechtliche Schritte eingeleitet werden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein kostspieliger Rechtsweg würde sich oftmals „nicht rechnen" oder die Frauen möchten die Strapazen nicht auf sich nehmen.

„Manche Frauen sehen auch, dass der Vater des Kindes den Trennungsunterhalt einfach nicht aufbringen kann", sagt Andreß. „Sie sind froh, wenn der Unterhalt für das Kind gezahlt wird und verzichten auf den Trennungsunterhalt für sich selber, um die Situation nicht eskalieren zu lassen." Ein Prozess würde in diesen Fällen auch wenig bringen, weil der Mann das Geld nicht hat.

Doch viele Männer entziehen sich offenbar ihren Unterhaltspflichten, obwohl sie Geld haben. Nur ein Fünftel der Männer kann nicht zahlen. Die restlichen 80 Prozent verfügen nach Abzug ihrer Unterhaltsverpflichtungen noch über ein ausreichendes Einkommen.

Der gelegentlich erhobene Vorwurf, Männer würden sich durch Arbeitslosigkeit den Unterhaltsverpflichtungen entziehen, wird durch die Studie nicht bestätigt. Interessant ist die Feststellung in der Bielefelder Studie, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen gutem Kindeskontakt und Zahlungsverhalten. Hat ein Mann häufigen Kontakt zu den Kindern, zahlt er auch regelmäßiger. Deshalb sei eine Verbesserung der Zahlungsmoral nur über eine Verbesserung des Umgangs zu erreichen.

Die größten Probleme bei Scheidungen tauchen laut Studie auf, wenn Frauen ihren Beruf für die Familie aufgegeben haben. Das geltende Steuerrecht fördert aber genau diese traditionelle Rollenverteilung in der Ehe mit einem männlichen Hauptverdiener und einer weiblichen Nicht- oder Zuverdienerin. Die Folgen: Die Eigentumsaufteilung bei einer Scheidung wird erschwert und ein erneuter Berufseinstieg fällt den Frauen wegen mangelnder Ausbildung und Erfahrung schwer. Ein „kontraproduktives Anreizsystem" sei das geltende Steuerrecht, so kritisiert die Studie. „Um Probleme nach der Scheidung zu vermeiden ist es vor allem wichtig, dass beide Ehepartner erwerbstätig sind", sagt Andreß. „Um das zu ermöglichen, muss vor allem die Kinderbetreuung ausgebaut werden".

Zum Schluss noch eine gute Nachricht. Wer bei amazon.de nicht „Scheidung“, sondern „Liebe“ eingibt, erhält fast 30 Mal mehr Treffer: 16647.

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