Welt : Schick mir einen Engel

Liel lebte in einem Kibbuz am Jordan, bis sie in die Welt der Pop-Stars eintauchte – ein Besuch beim Friseur

Elisabeth Binder

Zwei große, schlanke Friseurinnen beugen sich tief über Liels Kopf und wickeln den größeren Teil ihrer lustigen dunklen Locken jeweils einzeln in Silberfolie ein. Liel ist 16 und schon eine erfolgreiche Popsängerin. Es hat etwas Terminwirrwarr gegeben, weshalb die Managerin beschlossen hat, dass das Interview eben stattfinden müsse, während Liel sich für einen großen Fernseh-Auftritt kupferfarbene Strähnchen in die Haare machen lässt. Um den Nacken trägt sie ein hufeisenförmiges Gefäß, das die überschüssige Farbe auffängt. Stört es sie nicht, in dieser Lage zu reden? „Nein, wieso“, sagt sie und lacht mit ihren warmen, braunen Augen. „So langweile ich mich doch wenigstens nicht.“

Bevor sie uns mit den Friseurinnen allein lässt, hat die holländische Managerin noch verraten, dass sie schon viele gute Sängerinnen kennen gelernt habe, aber noch keine „Diva“ wie Liel. Das Wort Diva scheint sie dabei nicht in dem üblichen negativen Sinn gebraucht zu haben. Denn gleichzeitig lobt sie ihre Natürlichkeit und Bescheidenheit, die sie darauf zurückführt, dass die junge Israelin in einem Kibbuz aufgewachsen ist. „Aber das erzählt sie Ihnen am besten selber.“

Vorher kommen wir noch auf ihren großen Durchbruch zu sprechen: das Duett mit Bill Clinton. Beim 80sten Geburtstag von Schimon Peres in Tel Aviv sang sie mit dem früheren US-Präsidenten die alte John-Lennon-Nummer „Imagine“. Hatte sie keine Scheu, ihn so scheinbar spontan dazu aufzufordern? „Gar nicht“, sagt Liel. „Vorher dachte ich, wenn er Nein sagt, dann habe ich es wenigstens versucht. Wenn er Ja sagt, dann wird das eine wunderbare Sache für mich.“ Er hat Ja gesagt und war von der jungen Sängerin so angetan, dass er sie im letzten US-Wahlkampf einlud, bei einem Fundraising-Dinner in Los Angeles aufzutreten. Vielleicht hat ihn die ungeheure Souveränität beeindruckt, die das Mädchen mit dem schönen ovalen Gesicht ausstrahlt. Diese große innere Ruhe, die nur ein Ziel kennt: „Ich will singen, mein Leben lang. Ohne Musik wäre das Leben für mich nicht denkbar.“

Duette mit berühmten Menschen sind seitdem so was wie eine Spezialität von Liel geworden. Bei einem Fest zur Feier des 40sten Jahrestags der deutsch-israelischen Beziehungen im Schloss Charlottenburg sang sie gleich mit zwei amtierenden Präsidenten „We are the World“, mit Mosche Katsav und Horst Köhler. Im Publikum lauschte aufmerksam der Scorpions-Sänger Klaus Meine. Mit dem versteht sie sich besonders gut, auf ihrer Website singt sie zusammen mit ihm den Titel „Send Me an Angel“.

Die Farbe, die die Friseurinnen mit dem Pinsel auftragen, wird langsam beißend. Liel greift nach ihrer Sonnenbrille. Eigentlich alles Divenallüren, aber komischerweise wirkt sie die ganze Zeit ausgesprochen warmherzig, eben ganz wie ein Teenager, der sich ein bisschen lustig über sich selber macht.

Wann immer sie kann, fliegt sie zurück nach Israel in ihren Kibbuz, der „Kinneret“ heißt, also nach dem See Genezareth benannt ist. Der See ist nur 15 Minuten Fußweg weit entfernt, und wenn sie Zeit hat, springt sie gern hinein, um zu schwimmen. „Das Wasser ist so süß, da brennen die Augen kein bisschen.“ Über 1000 Leute leben in dem Kibbuz. Es gibt sogar einen großen Speisesaal, in dem Liel früher, „als ich noch Zeit hatte“, immer bei großen Feiern gesungen hat. Auch ihre Eltern sind musikalisch, der Vater, der einen landwirtschaftlichen Fuhrpark managt, singt gern und die Mutter, die die Gemüse- und Obstvorräte im Kibbuz verwaltet, tanzt. Einen 17-jährigen Bruder hat Liel und eine neunjährige Schwester, „die ein tolles Gehör hat“. Und einen gleichaltrigen Freund aus einem anderen Kibbuz ganz in der Nähe.

Hat sie Vorbilder? Sie überlegt einen Moment, sagt dann „Céline Dion“. Bono findet sie auch nett. Dem hat sie mal einen Stein aus dem Jordan geschenkt, an dessen Ufer sie lebt, und er muss sich wohl sehr darüber gefreut haben. Sie findet es toll, wie Bono sich für gute Dinge engagiert. Auch sie selber will ihre Musik mit einer Botschaft verbinden.

Wie sie das meint? Die Friseurinnen sind inzwischen am Hinterkopf zugange, und Liel setzt die Sonnenbrille wieder ab. „Wir haben viel Macht. Wir können mit unserer Musik etwas verändern, weil wir berühren können.“ Sie will in ihren Zuhörern das Bewusstsein schärfen, dass „wir nur ein Leben haben und dass es zu kurz ist, um es zu verschwenden, indem man gegeneinander kämpft“. Das Problembewusstsein, sagt sie, hat sie aus ihrer Umgebung gezogen, aus dem schwierigen Land, in dem sie aufgewachsen ist. „Wir sollten uns bewusster werden, dass wir alle in Frieden leben wollen. Religionen sollten keine Rolle spielen, solange sie die Menschen gut behandeln.“ Liel sieht ganz ernst aus, und es wirkt auch nicht so, als wenn sie sich überschätzt. „Wenn ich nur ein bisschen bewirken kann, dann habe ich doch auch was Gutes getan.“

Sie singt, seit sie vier ist. Mit zwölf gewann sie in Italien eine Art Kinder-Grand-Prix. Sie sang auch schon vor dem europäischen Parlament. Am morgigen Sonnabend tritt sie bei der Gala „Ein Herz für Kinder“ auf, die vom ZDF übertragen wird.

Wenn sie nach Hause kommt, wartet da nicht nur der Freund, sondern auch eine Lehrerin, die ihr Privatstunden gibt. „Alle scheinen immer nur auf mich zu warten.“ Ihr erstes Album hat die 16-Jährige selbstbewusst „Simply me“ genannt. Bei einer Gala hat sie mal die Autorin der Harry-Potter-Bücher getroffen. „Sie hat mich um ein Autogramm gebeten“, sagt sie belustigt. Die Managerin riet ihr dann, umgekehrt auch Joanne K. Rowling um ein Autogramm zu bitten. Nun lacht sie ganz offen. Die Friseurinnen haben sich zurückgezogen, um die Farbe einwirken zu lassen. Keine Angst, dass das daneben gehen könnte, da sie zum ersten Mal bei diesem Friseur ist? Liel schüttelt den Kopf, sie hat Vertrauen. Im Fernsehen wird von dem Kupferrot auch nichts mehr zu sehen sein. Schwefelgelber Rauch wird ihr Haar ganz schwarz erscheinen, das Gesicht durch die Schminke viel erwachsener wirken lassen. Hat sie manchmal Lampenfieber? „Nein“, sagt sie. „Dazu singe ich zu gerne.“

Gibt sie eigentlich öfter Interviews beim Friseur? Jetzt lacht sie richtig mitreißend. „Natürlich! Jeden Tag.“

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