Schicksalsschiff Titanic : Der Maßstab des Modellbauers

Näher kommt keiner an das Original heran: 100 Jahre nach dem Stapellauf der "Titanic" verändert ein Modell des Schiffs das Leben des Erbauers Jürgen Kliewe.

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Es sind Männer, die die Welt auf ihren Maßstab verkleinern.Alle Bilder anzeigen
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31.05.2011 11:45Es sind Männer, die die Welt auf ihren Maßstab verkleinern.

Natürlich macht Größe einen Unterschied. Fast immer. „Es ist schon beeindruckend, ein Modell in dieser Größe zu sehen“, sagt Jürgen Kliewe, der seine beiden Modelle der Titanic mit ihrer Länge von 2,69 Metern und einem Gewicht von 25 Kilo alleine nicht mehr tragen kann.

Es war alles Hoffnung, heute vor 100 Jahren, als am 31. Mai 1911 der Passagierdampfer Titanic mittels 20 Tonnen tierischer Fette vom Stapel der Werft Harland & Wolff rutschte. Tausende Zuschauer hatten in Belfast eine Karte gelöst, um das größte von Menschenhand geschaffene Bauwerk der Welt zu sehen. Es war genauestens vermessen, aber zugleich von beeindruckender Maßlosigkeit. Die begann im Namen „Titanic“ und endete in dem Adjektiv „unsinkbar“.

Zu Weihnachten 1992 lag unter dem Weihnachtsbaum in einem Einfamilienhaus in Ueckermünde am Stettiner Haff das Buch „Olympic & Titanic“. Es war von Kliewes Frau. Es steckte voller Details. Jürgen Kliewe legte los und brach das Schicksalsschiff auf seinen eigenen Maßstab herunter. Auf 1:100, um genau zu sein.

Jürgen Kliewe, Jahrgang 1962, Mitarbeiter des Bau- und Ordnungsamtes Ueckermünde, erster stellvertretender Bürgermeister, stieß nun, in der Hand eine Laubsäge und einen Feinbohrer, die Tür auf zu einem internationalen Kosmos, bevölkert von Experten, Überlebenden, Forschern, Bergungs- und Filmteams. Er würde in den nächsten Jahren zwei Modelle bauen. Sie würden von Millionen fremden Menschen gesehen werden, sie würden um die Welt reisen. Die Titanic würde schon wieder ein Leben verändern. Seines, um genau zu sein.

Geboren in Ueckermünde, eben dort arbeitend und lebend, zwei Söhne erzogen, ohne ausgeprägte Beziehung zu Wasser oder Kreuzfahrten. Dieser Kliewe fuhr von seiner Garage aus mit der Titanic in die Welt hinaus.

Kliewes Unterfangen war ja auf ganz eigene Art maßlos. Er hatte auf die Urfrage des Modellbauers – Welchen Maßstab kann ich bewältigen? – mit 1:100 geantwortet. Darin liegt die Frage: Was bin ich für einer? Reichen Wissen, Technik und Charakter? Männer sind Meister darin, sich die Welt auf ihren eigenen Maßstab zu verkleinern. Frauen tun so was nicht, sagt Kliewe.

Die Welt, behauptet man, lassen Modellbauer hinter sich, wenn sie sich zurückziehen an ihre Werkbänke, bis sie den Geruch des Holzleims nicht mehr riechen. Für Kliewe stimmt das nicht. Die Welt, die kam so unwiderruflich herein in seine Garage, und nahm ihn ein Stück mit sich, wie am 15. April 1912 das Wasser in die Titanic drang: erst in kleinere, abschließbare Abteile, dann ins ganze Schiff, das es mit sich zog in seinem Sog.

Er dachte in kleinerem, eigenem Maßstab über Innovationen, Materialien und Mengen nach. Er arbeitete mit der überraschenden Spannkraft von Hutgummi. So fand er Spannseile für seine Schornsteine, die niemals schlaff durchhängen. Ein Bekannter drehte ihm über 1000 Messingringe ab, die je ein Bullauge darstellen. Er eignete sich für die Details Ätztechnik an, auf drei Zehntel Millimeter genau. Lebendig ist die Erinnerung an einen Urlaub im Bayern, wo er und seine Frau die Abende damit hinbrachten, mit Nadeln auf einer Folie die Nieten des Rumpfes zu imitieren.

Natürlich führte er Buch über die Arbeitsstunden.

Höchstleistungen im Modellbau werden nur mit einer Höchstzahl an Stunden erreicht. In dieser Währung wird verglichen. Der Bastler ist deshalb auf Nachsicht seiner Mitmenschen angewiesen.

„Ach“, sagt seine Frau, und versichert, nicht gelitten zu haben. „Das war mir von allem das Liebste.“ Andere Männer gingen aus und täten dort bekanntlich ganz andere Dinge. Sie jedoch zählte zwischen 1992 und 1995 2500 Stunden, in denen sie ihren Mann nebenan in der Garage wusste, und zwischen 1998 und 2001 noch einmal 2800 Stunden.

Die Titanic war offenbar schon wieder dabei, beruhigende Gefühle von Sicherheit hervorzurufen.

Ihr Mann kannte eher das Gefühl von Sehnsucht. Einer von vier Brüdern, wuchs er bei seiner Oma auf, wo es Kohleheizung gab, Badewasser, das auf dem Herd erhitzt wurde und ein Außenklo, weshalb man sich besser so lange wie möglich alles verkniff.

In diese Jugend hinein erzählte der Vater von einem Schiff mit beheiztem Schwimmbad an Bord, von privaten Decks und Toiletten auf der Kabine. Selbst die dritte Klasse auf der Titanic, stellte Jürgen Kliewe fest, hatte mehr Komfort als er selbst an Land. Es war ein Prinzessinnenmärchen für Jungs. Nach einem einzigen unscharfen Foto machte sich der 14-Jährige an sein erstes Modell.

Natürlich könnte man sagen, es war falsch konstruiert: Die Vorlage taugte nichts. Er besaß keine Pläne. „Ich hatte einen Elektromotor angebaut und einen Kiel angeklebt, den das Original gar nicht hatte.“ Das Schiff ist jedenfalls beim ersten Schwimmversuch umgekippt und gesunken. Das war in einem wassergefüllten Torfstich irgendwo in Ueckermünde. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu bergen.

War es eine Geschichte, die genüsslich erzählt wurde in der DDR? Wie der Klassenfeind mit Sang und Klang unterging, denn die Kapelle spielte bis zuletzt?

„Das hat überhaupt keine Rolle gespielt“, sagt Kliewe. Der nächste große Untergang war der der DDR.

Kliewe fuhr Jahre später einen Sechssitzer. Wenn er die Sitze herausnahm, passte das Modell hinein. Er wollte einen zweiten Rumpf bauen, denn sein erstes Modell war dauernd auf Ausstellungen unterwegs. 1997 erschien der Film „Titanic“ von James Cameron. Die Welt litt sich drei Stunden durch ein Drama mit Leonardo diCaprio und Kate Winslet. Kliewe saß schon an seinem zweiten Modell.

Er saß auch noch immer in seiner Garage. Aber die Welt nahm jetzt Notiz.

Das örtliche Café Restaurant Ahl servierte aus gegebenem Anlass Eisbergsalat mit Putenbruststreifen für 6 Mark 90. Bastler bauten Modelle des Wracks, solche, die schwimmen, und solche, die sinken. Diverse Anfragen zu einer Auftragsarbeit lehnte er ab. Er wollte seinem inneren Drang folgen.

1998 investierte er 113 000 Lire in einen italienischen Plan. Er beauftragte einen Tischler mit der Beplankung des Decks – Furnier war die Lösung. Er korrespondierte mit dem bekannten Experten Wetterholm aus Stockholm, ob sich an gewisser Stelle eine Pendeltür befand oder nicht. Zuletzt befestigte er 120 Figuren mit Drahtstiften an Deck.

Hier war Jürgen Kliewe aus Ueckermünde, das erste Modell in einem Torfstich gesunken, eine Bergung hatte sich nicht gelohnt, und jetzt kamen die Anfragen aus Amerika. Nach seinem Maßstab handelte es sich um einen ungeheuerlichen Erfolg.

Die internationale Korrespondenz des Modellbauers Kliewe füllt den Ordner auf seinen Knien. Irgendwann holte ein Lieferdienst das Modell ab und flog es im Bauch eines Jets in die USA. Die Versicherungssumme war sechsstellig. Die jährliche Überweisung der Leihgebühr vierstellig. „Das war gar nicht Sinn und Zweck des Unterfangens“, sagt er, „aber meine Titanic hat es bis nach Amerika geschafft.“

2002 ging das zweite Schiff weg. Er hat sie beide schon Jahre nicht mehr gesehen. Sie könnten genau so gut gesunken sein. Eines ist gerade im australischen Melbourne, das andere in Porto Alegre, Brasilien. Kliewe flippt in seinem Wohnzimmer durch ein Fotoalbum auf den Knien: Hier er selbst mit dem Rumpf in der Hand, im Garten. Hier ein Foto vom Deck, die Figuren schon platziert. Hier der Glaskasten von der ersten Ausstellung in Hamburg. dann München, dann Zürich. Dort drückt sich ein amerikanischer Junge am Glaskasten die Nase platt.

Die Ausstellung tourte durch die USA, seine Modelle in ausgesuchter Gesellschaft, umgeben von geborgenen Wrackteilen, original Stahlplatten und Artefakten. Näher kann heute einer an das Original nicht mehr heran.

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