Welt : Schiffbruch: Rettung in letzter Sekunde

Ralph Schulze

Nach tagelangem Treiben auf einer Rettungsinsel auf dem Atlantik ging es am Ende um Sekunden: In dem Moment, als Luftretter eintrafen, hörte das Herz der zweijährigen Lisa Hoffmann auf zu schlagen. Es gelang den Männern, das Mädchen im Helikopter wiederzubeleben.

Zehn Tage lang hatte das Drama der Familie Hoffmann gedauert. Elf Schiffe fuhren an den vier Deutschen - das Ehepaar mit der Tochter und dem Bruder des Vaters - vorbei, ohne anzuhalten. Dann endlich, nach zehn Tagen geschah doch noch das Wunder: Die Besatzung eines tunesischen Frachters sah die schiffbrüchige Familie, und fischte sie aus dem Atlantik etwa 70 Seemeilen von der spanischen Küste entfernt. Die Rettung geschah in letzter Minute. Die Schiffbrüchigen hatten während der anderthalb Wochen im Rettungsboot nichts gegessen und nur wenig Regenwasser trinken können. Der Zustand des zweijährigen Mädchens Lisa war bei der Rettung durch den tunesischen Frachter schon so kritisch, dass der Kapitän des Fachtschiffes sofort einen Rettungshubschauber anforderte. Die Luftretter kamen gerade noch rechtzeitig, um das Kind zu retten.

Die Zweijährige wurde dann zur Intensivstation eines Krankenhauses in der galicischen Stadt Vigo geflogen, wo sie sich immer noch befindet. Ihr Zustand sei schlecht, sagen die Ärzte, vor allem wegen der Unterernährung und Austrocknung in den zehn Tagen auf hoher See; doch Lebensgefahr besteht offenbar nicht mehr.

Die anderen drei Schiffbrüchigen, die Eltern des Mädchens und der Besitzer der verunglückten Segeljacht, hatten sich am Sonntag schon wieder so weit erholt, dass sie über ihren zehntägigen Alptraum im Atlantik berichten konnten: "Wir schrien 15 Minuten zu einem Schiff hinüber, dass sehr nahe bei uns vorbeifuhr, aber sie machten nichts", erzählt die 31jährige Martina Hoffmann, die immer noch sehr angespannte Mutter der kleinen Lisa.

Auch weitere zehn Schiffe seien an den Schiffbrüchigen vorbeigefahren, ohne auf ihre Rufe und Seenotraketen zu reagieren. Wenigstens einige Schiffe hätten die Notsignale eigentlich sehen müssen, meint die Frau, die vermutet, dass die Kapitäne der Frachtschiffe bewusst weiterfuhren. Möglicherweise, um keine Zeit zu verlieren. "Die Tage gingen vorbei und niemand half uns."

Am 11. September war die dreiköpfige Familie, begleitet vom Besitzer der 13-Meter-Jacht, vom nordspanischen Hafen La Coruna losgesegelt. Sie wollten über den Atlantik bis zur französischen Stadt Brest schippern. Doch schon am folgenden Tag brach auf dem Einmaster "Sea Star" ein Feuer aus, offenbar im Motor, der das ganze Schiff in Brand setzte. Im letzten Moment konnten die vier noch in das Rettungsboot springen, dass jedoch offenbar keine Notfunk-Einrichtung hatte. Mit einem Notsignal hätte die Familie vermutlich sehr viel schneller geortet werden können.

Die größte Sorge der drei Erwachsenen sei gewesen, das Mädchen vor dem Tod zu retten, berichtet die Mutter. So oft es ging, habe sie das Kind an sich gepresst, um es zu wärmen. Der Vater, der 32jährige Werner Jan Hoffmann, habe das Kind zudem in seine Jacke eingewickelt. Auch das wenige Trinkwasser, dass sie nach Regengüssen auffangen konnten, gaben sie zunächst dem Mädchen. "Wir haben viel Angst um ihr Leben gehabt", sagt Martina Hoffmann. "Als wir geborgen wurden, hatten wir fast schon jede Hoffnung auf eine Rettung aufgegeben", sagte die Kinderpflegerin. "Hätte man uns zwei Tage später geborgen, wäre meine Tochter jetzt nicht mehr am Leben", sagte die 30-Jährige, die nun am Sonntag von den Ärzten die gute Nachricht bekam, dass sich der Zustand ihrer Tochter gebessert habe.

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