Welt : Schiffskollision: Glück im Unglück bei Havarie auf der Ostsee

Andreas Frost

Es war kurz nach Mitternacht am Donnerstagmorgen - dunkel also. Und mit drei Meter hohen Wellen stürmte es gewaltig auf der Ostsee, als es rund 13 Seemeilen nördlich der mecklenburg-vorpommerschen Halbinsel Darß gehörig krachte. Der Frachter "Tern" rammte den Tanker "Baltic Carrier" mitschiffs auf der Steuerbordseite und riss ein rund 20 Quadratmeter großes Loch in die Bordwand. Etwa 1500 Tonnen schweres Heizöl liefen innerhalb von zwei Stunden in die See.

Glück im Unglück: 32 000 Tonnen Öl blieben an Bord. Glück im Unglück auch für die deutsche Ostseeküste: Starker Südostwind trieb den Ölfilm nach Norden in Richtung der dänischen Insel Mön. Am Donnerstagabend, so hofften die Experten, könnte dort vor der Küste das Öl in ruhigerem Wasser abgesaugt werden. Eine Ölpest an den Stränden war aber dennoch nicht auszuschließen.

Obwohl es seit langem die schwerste Havarie in der Ostsee war, konnten die Darß-Bewohner und vor allem ihre Tourismus-Manager aufatmen. Das "mitteldicke Schweröl", wie es ein Experte des Schweriner Umweltministerium erläuterte, neigt bei ruhigem Wasser nicht dazu, sich in kleine Tröpfchen aufzulösen. Wenn dies bei starkem Wellengang doch geschieht, verteilen sich die Öltropfen derart großräumig im Wasser, dass sie an den weißen Stränden des Darß kaum zu bemerken wären. Den Umweltschützern ist diese Auflösung ein bisschen lieber, als wenn das Öl in großen Klumpen auf den Meeresboden sinkt. Die Tropfen haben zusammen eine größere Oberfläche und bieten den Öl abbauenden Bakterien dadurch mehr Angriffspunkte.

Die Kollision ereignete sich im Nadelöhr der südlichen Ostsee. Die 40 Kilometer lange so genannte Kadetrinne zwischen Darßer Ort und dem dänischen Gedser, durch die alle größeren Schiffe müssen, ist 20 Meter tief. An den engsten Stellen allerdings nur gut einen Kilometer breit. Begrenzt wird sie von nur zehn Meter unter der Wasseroberfläche gelegenen Sandbänken. Rund 50 000 Schiffe kommen jedes Jahr durch diesen Engpass. Für die Kapitäne 180 Meter langer Schiffe wie der zypriotischen "Tern" und des unter der Flagge der Marshall-Inseln fahrenden Tanker "Baltic Carrier" bleibt an solchen Stellen etwa so viel Reaktionszeit wie für einen Fahrer, der mit überhöhter Geschwindigkeit durch eine Autobahnbaustelle rast. Zudem versuchen einige Kapitäne immer wieder, den Weg abzukürzen und fahren, um Geld und Zeit zu sparen, eine Route außerhalb der Kadetrinne.

Seit 1990 sind so schon 16 Schiffe auf Grund gelaufen. Im März 2000 saß die "Clement" mit 55 000 Tonnen Öl im Sand fest. Sie wurde freigeschleppt, ohne Schaden zu nehmen. Seit Jahren diskutieren Experten und Politiker über mehr Sicherheitsmaßnahmen für dieses Seegebiet. Eine Lotsen- und eine Meldepflicht sind im Gespräch, von Deutschland allein aber nicht durchzusetzen. Der Schweriner Umweltminister Wolfgang Methling (PDS) fordert auch eine Radar- und eine Satellitenüberwachung. Auch die noch ins nächste Jahrzehnt reichenden Übergangszeiten für einwandige Tanker sind ihm zu lang. Doppelhüllenfrachter mit mehreren Tanks sind derzeit sein Ideal. "Aber ich kann die Schiffe ja nicht bauen", sagte er gestern. Die Kollision zwischen der "Baltic Carrier" auf dem Weg nach England und der "Tern" mit kubanischem Zucker ins Baltikum passt allerdings nicht so recht in die üblichen Katastrophen-Szenarien. Die "Baltic Carrier" lag in der Nacht zu Donnerstag am Rand der Kadetrinne wegen eines Ruderschadens vor Anker, als sie gerammt wurde. Das moderne Schiff hat eine Doppelhülle. Es liegt vorerst weiterhin vor Anker in der Nähe des Unglücksorts. Die "Tern" hingegen kehrte um und lief den Rostocker Hafen an.

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