Schiffsunglück : Die Meuterei auf der "Costa Concordia"

Eine Stunde lang war der Kapitän untätig. Dann übernahmen Offiziere das Kommando und ordneten die längst überfällige Evakuierung an. Was geschah auf der "Costa Concordia"?

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Am Sonntag jährt sich die Harvarie der Costa Concordia zum ersten Mal, bei der an Bord des Kreuzfahrtriesen 32 Menschen getötet wurden. Erwartet werden die Angehörigen der Todesopfer und ein Teil der rund 3200 Überlebenden, vor allem Deutsche, Franzosen und einige Peruaner. Foto: ReutersWeitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
12.01.2013 14:21Am Sonntag jährt sich die Harvarie der Costa Concordia zum ersten Mal, bei der an Bord des Kreuzfahrtriesen 32 Menschen getötet...

An Bord der „Costa Concordia“ ist es offenbar zu einer Meuterei gekommen, weil Kapitän Francesco Schettino eine Stunde lang untätig blieb. Das geht aus neuen italienischen Berichten, Zeugenaussagen sowie Telefonmitschnitten hervor, aus denen Italiens nationale Zeitungen breit berichten – teils wörtlich: Zwischen Ermittlern und Medien ist der Draht in Italien traditionell kurz.

Demnach berichtet Giovanni Iaccarino, der Erste Offizier, über die Zeit direkt nach dem Aufprall um 21.42 Uhr: „Der Kommandant wies mich an, in den Maschinenraum zu gehen. Ich beeilte mich und der Anblick war schrecklich, alles überschwemmt. Mir stand buchstäblich das Wasser bis zum Hals.“ Iaccarino nimmt sofort den Hörer ab und ruft die Brücke an. Dort wird laut wiederholt, was er sagt. Alle erwarten den Evakuierungsbefehl. Aber der Kapitän hängt am Telefon. Um 22.30 Uhr wird den Offizieren klar, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Der Kapitän bleibt allein mit einem griechischen Offizier, während die anderen Offiziere eigenmächtig entscheiden, das Kommando an Roberto Bosio zu geben, seinen Stellvertreter, von dem es heißt, dass er und Schettino Rivalen waren und tiefes Misstrauen gegeneinander hegten.

Abgeseilt. Diese Luftaufnahme der italienischen Küstenwache zeigt die Bergung der Passagiere von dem Havaristen. Foto: rtr
Abgeseilt. Diese Luftaufnahme der italienischen Küstenwache zeigt die Bergung der Passagiere von dem Havaristen.Foto: rtr

Bosio ist dafür, sofort zu evakuieren und die Arbeiten beginnen. Decksoffizier Alessandro Di Lena sagt dazu, das hätte viel früher geschehen müssen: „In den ersten vierzig Minuten nach dem Aufprall war das Schiff noch in Ordnung. Wir hätten problemlos die Rettungsboote mit den Passagieren auf beiden Seiten zu Wasser lassen können. Wir wären an Land gekommen, ohne uns auch nur die Füße nass zu machen.“ Aber aus den Fängen der Justiz wird sich der Kapitän nicht so leicht befreien können. Mitschnitte von Telefonaten während der Katastrophe erhärten zusätzlich den Verdacht, dass der Kapitän komplett versagte.

In der Nacht der Katastrophe erreichte ein diensthabender Offizier im Hafen der Insel Giglio den Kapitän um 1.46 Uhr auf seinem Handy. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch hunderte Menschen auf der „Costa Concordia“, die dringend geborgen werden mussten. Schettino hatte das Schiff dagegen laut Augenzeugen bereits kurz nach Mitternacht verlassen.

Der von der Nachrichtenagentur Ansa veröffentlichte Mitschnitt zeigt denn auch, dass der Kapitän den Überblick über die Lage verloren hatte, auch wenn er behauptet: „(...) ich bin da, ich koordiniere die Rettung“. Der Offizier im Hafen verliert denn auch im Verlauf des Telefonats immer mehr die Fassung. „Sie müssen uns sagen, wie viele Leute da noch sind, Kinder, Frauen, Passagiere, die genauen Zahlen in jeder Kategorie!“, herrscht er den Kapitän an. Der Offizier sagt auch, es gebe „bereits Leichen“. Als Schettino zurückfragt: „Wie viele?“, kommt eine sehr scharfe Replik: „Das müssen doch Sie mir sagen! Was machen Sie? – Jetzt kehren Sie nach da oben zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!“

Schettino befindet sich seit Samstag in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung vor. Um ihn ist es sehr einsam geworden. Die Reederei Costa Crociere distanzierte sich bereits von ihm und wies ihm die Alleinschuld zu. Schettino hatte das 300 Meter lange und 38 Meter breite Schiff am Freitagnachmittag dicht an Giglio entlangmanövriert. Etwa 500 Meter vor der Inselküste rammte die „Costa Concordia“ einen Felsen, der auf den Seekarten klar markiert ist.

Kapitän Francesco Schettino Foto: dpa
Kapitän Francesco SchettinoFoto: dpa

Schettino wollte laut italienischen Medienberichten womöglich dicht vor der Küste ein prahlerisches Ritual zelebrieren – den Gruß an die Insel mit voller Beleuchtung und dröhnenden Sirenen. Dies würde zum Charakter des Kapitäns passen, wie er von Kollegen beschrieben wird. Mario Palombo, ein pensionierter Kapitän und mehrjähriger Vorgesetzter Schettinos auf einem anderen Kreuzfahrtschiff, beschreibt ihn als „zu überschwänglich und draufgängerisch“. Nicht in der Stunde der Katastrophe: Zeugen zufolge suchte der Kapitän das Unglück noch fast eine Stunde lang zu verharmlosen. (mit AFP)

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