Schiiten in Najaf : Bis aufs Blut: Pilgerreise in den Irak

Am Ende fließen Tränen, selbst bei den Soldaten. Die Passionsspiele vereinen die Zuschauer in ihrem Schmerz. Millionen Schiiten pilgern zum Ashura-Fest nach Najaf. Es ist eine Wallfahrt zwischen heiligen Schreinen, archaischen Feuerspielen und Büßerritualen.

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Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Bedrohlich dröhnen die Trommeln aus den Lautsprechern. „Der Tod ist besser als die Schande“, ruft der Reiter, reckt sein Schwert und stürzt sich auf seinem Schimmel in den letzten aussichtslosen Kampf gegen die Übermacht. Erst trifft ihn ein Stein, dann ein Pfeil, am Ende durchbohrt ihn von hinten eine Lanze. „Im Namen Allahs, ich sterbe für den Glauben meines Großvaters, des Propheten Mohammed“, röchelt der tödlich Verwundete. Als ihm die Soldaten unter höhnischem Jubel den Kopf abschlagen, geht ein Aufschrei des Entsetzens durch die Zuschauermenge.

Frauen schluchzen, Männer vergraben den Kopf in ihren Händen, weinen still vor sich hin. Selbst den irakischen Soldaten, die eben noch breitbeinig und mit Sturmgewehr neben ihrem gepanzerten Jeep standen, rollen Tränen über die Wangen. Etwa 30 000 Menschen sind gekommen, um die Aufführung mitzuerleben. In diesem einen Augenblick verbinden sich die historische Tragödie, das Schauspiel und die eigene Lebenswelt in der Menge zu einem kollektiven seelischen Schmerz, der jetzt so viele überwältigt.

Die Helme sind aus Kochtöpfen gehämmert

Jedes Jahr zu Ashura, dem zehnten Tag des schiitischen Trauermonats Muharram, gedenken weltweit 200 Millionen Schiiten der Schlacht von Kerbala. Sie endete im Jahr 680 nach Christus mit dem Märtyrertod des Prophetenenkels Imam Hussein und besiegelte endgültig die Spaltung des Islam in Sunniten und Schiiten. Seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein im Jahr 2003 dürfen die Gläubigen im Irak, dem Ursprungsland der Schiiten, wieder ihre Ashura-Passionsspiele aufführen.

Für Sayyed Mahdi al Mukarram und seine Schauspieltruppe ist es die achte Kerbala-Schlacht, die sie auf dem staubigen Freiluftgelände im Westen von Najaf inszenieren. Zwei Monate lang hat die Spielleitung aus 10 000 Bewerbern die 300 Kämpfer für die Armee des Omajjaden-Kalifen Yazid ausgewählt, 71 verkörpern die Gefolgsleute des Prophetenenkels Imam Hussein. Ihre Kampfhelme sind aus Kochtöpfen gehämmert, Speere aus Kupferrohren gebastelt und die falschen Palmen aus altem Holz gezimmert. Die Schauspieler haben ihre Pferde selbst trainiert und Wasser herangeschafft für ein künstliches Stück Euphrat.

Pilger in Najaf
Mit geschärften Säbeln geht es zum Ritual.Katharina Eglau

Cheforganisator al Mukarram hat lediglich die Volksschule besucht und arbeitet den Rest des Jahres als Pförtner im Regionaldepartment des Agrarministeriums. Aber das Drehbuch hat der 48-Jährige selbst geschrieben. Andere kümmerten sich um die Kostüme, die Fahnen, die Lautsprecheranlage sowie um die Beduinenzelte, die nach dem Tod des Heiligen in Flammen aufgehen. Etwa 40 Leute gehören zum Team, sie haben Spenden gesammelt und oft ihren Jahresurlaub für die Vorbereitungen des fünfstündigen Trauerspektakels geopfert.

Seit vier Jahren verkörpert Hadi Bader Aragji die Heldenfigur des Imam Hussein, der als Stifter der schiitischen Glaubensrichtung gilt. Er sei durch die Schauspielerei zu einem besseren Menschen geworden, sagt der 41-Jährige, der für seine Rolle erst einmal das Reiten lernen musste. „Imam Hussein zu spielen, das ist wie eine Barriere gegen schlechtes Benehmen, was ich früher an mir hatte“, sagt er. Er sei im Alltag klarer, ehrlicher und zielstrebiger geworden – weniger aufbrausend zu Kollegen, einfühlsamer zu Frau und Kindern.

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