Welt : Schlagt ihn, wo ihr ihn trefft

Harald Maass[Peking / Nora Luttmer]

Es war ein sonniger Mittwoch im Dezember, als Herr Wang Sheng aus Wuhan seinen Mercedes zerschlug. Der wohlhabende Geschäftsmann erledigte die Arbeit nicht allein. Sieben Männer machten sich über das silberne Cabrio her, traktierten mit Vorschlaghämmern und Holzknüppeln die Motorhaube, schlugen die Windschutzscheibe in tausend Stücke und zerschmetterten die Scheinwerfer. Wang musste einfach "seinen Ärger zeigen", ließ er später erklären. Seitdem ist Herr Wang in China berühmt.

Dutzende Fotografen und Fernsehkameras filmten den Knüppeleinsatz, Zuschauer applaudierten. Als Höhepunkt ließ Wang einen Ochsen vor das Auto spannen und es durch die Stadt ziehen. Auf der Karosserie prangte der Schriftzug: "Das ist ein Mercedes Benz. Lasst jedem von uns ihm einen Tritt geben."

Der skurrile Fall begann vor einem Jahr. Im Auftrag seines Unternehmens, einem Wildtierzoo in zentralchinesischen Wuhan, kaufte Wang Sheng damals den importierten Mercedes als Firmenwagen. Ein Auto dieser Klasse ist in China teurer als in Deutschland. 900 000 Yuan - das sind 230 000 Mark - zahlte er samt Steuern und Überführungsgebühren für den Wagen. In Wuhan war er damit das Stadtgespräch. Wenn Wang mit seinem "ben chi" (Chinesisch für Mercedes Benz) durch die Straßen fuhr, blieben die Menschen am Rand stehen.

"Nicht mal eine Bedienungsanleitung"

Geärgert hat er sich aber darüber, sagt Herr Wang, dass der Wagen nicht lange fuhr. Schon nach ein paar Wochen habe er nicht mehr funktioniert. Auf dem Armaturenbrett leuchteten die Warnlampen auf, Öl sei aus dem Motor getropft, der außerdem kaum noch Leistung gebracht hätte, sagt Wang. Wang ließ den Wagen nach Norden, ins ferne Peking fahren. Er wurde dort von einer Mercedes-Werkstatt repariert und kam zurück nach Wuhan. Doch nach zwei Monaten seien die gleichen Probleme wieder aufgetreten. Warnlampen, keine Motorleistung. Ingesamt fünf Mal habe er das Auto reparieren lassen, sagt Herr Wang. Am Ende sei es immer noch kaputt gewesen.

Das Land sollte das wissen. Dies - und nicht seine eigene Wut - sei der Grund dafür, dass er das Auto zertrümmert habe. Nur so könne die schlechte Qualität der Mercedes-Autos publik gemacht werden. Und seine defekte Limousine sei nicht die einzige in China. So traten der "Allianz gegen Mercedes", die Wang Anfang Januar ins Leben rief, auch prompt fünf weitere enttäuschte Benz-Besitzer aus chinesischen Großstädten bei. Ihr Ziel ist es, Informationen und Erfahrungen auszutauschen. Auch sollen andere "Opfer" ermutigt werden, sich der Allianz anzuschließen. In einer Erklärung verlangten sie von Mercedes Benz, sich für die schlechten Produkte zu entschuldigen und die Mängel sofort zu beheben.

Bei Mercedes Benz in Peking sieht man den Fall anders. Nicht das Auto sei das Problem, sondern das Benzin. Trotz mehrfacher Warnungen durch die hauseigenen Techniker habe Herr Wang immer wieder minderwertigen Sprit in seinen Tank gefüllt, sagt Daimler-Chrysler-Sprecherin Karin Malmstrom. Bei vielen Tankstellen in China sind die Tanks und Zapfanlagen verdreckt und das Benzin von schlechter Qualität. Man habe Herrn Wang natürlich auch immer wieder angeboten, den Motor zu reinigen. "Aber er hat unsere Hilfe abgelehnt", sagt Malmstrom. Und ein Mercedes-Sprecher in der Stuttgarter Konzernzentrale sagt: "Wir können ja schlecht die chinesische Kraftstoff-Industrie übernehmen". Dass chinesisches Benzin schlecht sei, bestätigen viele Automobilhersteller. Jedoch seien bisher bei anderen deutschen Marken keine Beschwerden bekannt geworden, so das Internet-Magazin "China Online".

Herr Wang sieht nicht nur sich betrogen, der Fall sei eine Ohrfeige für ganz China. "Mercedes Benz verachtet die chinesischen Kunden", lässt er über seine Mitarbeiterin Liu Yueling ausrichten. "Sie verkaufen ihre Autos hier, aber es gibt nicht einmal eine chinesische Bedienungsanleitung", sagt Frau Liu. Die Stellungnahmen von Mercedes hält sie für Ausreden. Wenn ein Wagen die Bedingungen in China nicht aushalte, "dann ist er nicht mal so gut wie ein Traktor", sagt Liu.

Mittlerweile steht der Mercedes des Herrn Wang wieder in Peking. Ein technisches Gutachten soll den Streit ein für alle mal beilegen. Bei Mercedes bemüht man sich um Schadensbegrenzung. "Unser Interesse ist es, unsere Kunden zu unterstützen", sagt Sprecherin Malstrom. Im Interesse von Mercedes liegt wohl vor allem der gute Ruf seiner Wagen bei den übrigen Chinesen. Denn der ist im Moment besonders wichtig.

Einfuhrzoll 100 Prozent

In diesem Jahr beginnt der freie Wettbewerb in China. Mit dem Beitritt der Volksrepublik in die Welthandelsorganisation im vergangenen Dezember öffnet sich der Markt für die internationale Autoindustrie. So will Peking die Beschränkung des Auto-Imports aufheben. Außerdem sollen die Einfuhrzölle für Autos auf 25 Prozent fallen. Bisher lagen sie bei bis zu 100 Prozent. Und noch ist Mercedes beliebt. Vor einem Jahr hatte eine Umfrage ergeben, dass 27,8 Prozent aller chinesischen Geschäftsleute sich für einen solchen Wagen entscheiden würden. Dieses Renommee sei, so klagt die chinesische Presse, die "tyrannische Seite" des Konzerns. Er könne sich fast alles leisten, sein Ruf unverwüstlich im Reich der Mitte.

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