Welt : Schleswig-Holstein: Der tiefe Sand von Kropper Busch

Hans-Jürgen Fuss

"Der jütische Schlag ist ... munter und hart, gedeiht bei mäßiger Nahrung schon, setzt aber, im Ganzen genommen, ... bei vorzüglicher Fütterung und Weide mehr Fleisch und Fett als Milch ab, daher sie sich besser zur Mastung als zur Milchgewinnung eignet", so heißt es in einer Schrift aus dem 14. Jahrhundert. Damals wurden vier- bis fünfjährige Ochsen aus dem jütländischen Viborg durch Schleswig-Holstein bis nach Wedel vor die Tore Hamburgs getrieben. Dort angekommen wurden sie mit Fähren über die Elbe nach Niedersachsen verfrachtet und nach Westdeutschland und in die Niederlande weiter getrieben - auf der so genannten Ochsentrift. Zur Haupttriftzeit im Frühjahr waren damals bis zu 50 000 jütländische Ochsen auf dem für Tier und Mensch gleichsam beschwerlichen, wochenlangen Marsch in die Städte unterwegs.

Die Ochsentrift verlief auf Wegen, die bereits seit der Jahrtausendwende von nordeuropäischen Pilgern nach Rom, Jerusalem und Santiago de Compostella, aber auch von kriegerischen Heeren genutzt worden waren. So wird der dänische Abschnitt des "großen Landweges" heute noch als "Heerweg" ("Hærvejen") bezeichnet, während sich in Schleswig-Holstein die Bezeichnung "Ochsenweg" durchgesetzt hat.

Mit den wirtschaftlichen Veränderungen und dem Bau der Eisenbahn wurden die Ochsentriften Mitte des 19. Jahrhunderts überflüssig. Der unbefestigte Landweg verfiel. In Schleswig-Holstein sind nur noch zehn Prozent des "Ochsenweges" in Form alter Trassen erhalten, über weite Strecken ist er zu Straßen (bevorzugt Bundesstraßen!) umgebaut worden. Der im Rahmen einer "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" entstandene schleswig-holsteinische Radfernweg "Ochsenweg" folgt den noch vorhandenen Spuren des historischen Weges. Er führt von Flensburg an der gleichnamigen Ostseeförde bis nach Wedel an der Unterelbe durch das "Land zwischen den Meeren".

Die aus einer im innersten (und damit sichersten) Winkel der Flensburger Förde ge-legenen Fischersiedlung um 1200 hervorgegangene Stadt Flensburg entwickelte sich unter dänischer Herrschaft zu einer reichen Handelsstadt. Mitte des 16. Jahrhunderts besaß die Stadt einen eigenen Ochsenmarkt. So war im Jahre 1592 jeder siebte Ochse auf der Trift von Viborg nach Wedel im Besitz eines Flensburger Händlers. An diese Zeit erinnert heute nur noch der Name der Straße "Am Ochsenmarkt". Erhalten geblieben sind jedoch noch viele bauliche Schmuckstücke aus jener wirtschaftlichen Blütezeit.

Aus der "skandinavischen Stadt in Deutschland" gelangen wir mit einer vorbildlichen Radwegweisung durch die hügelige Landschaft Angeln an den in einer Talsenke idyllisch gelegenen Sankelmarker See. Auf dem angrenzenden Höhenzug liegt das schmucke Dorf Oeversee. "Über dem See" befindet sich der Gasthof "Historischer Krug", einer von ehemals zahlreichen Einkehrmöglichkeiten am "Ochsenweg". Neben dem seit 1519 "Kongelig privilegeret Kro" lohnt vor allem die aus dem 12. Jahrhundert stammende Dorfkirche mit ihrem aus zwei Meter starken Feldsteinmauern bestehenden runden (Festungs-)Turm einen Besuch.

Mit der Treene, einem der großen Flüsse Schleswig-Holsteins, verlassen wir den ge-schichtsträchtigen Ort zu einer abwechslungsreichen Landpartie durch die hohe Geest: Im naturgeschützten Fröruper Holz überrascht uns eine Ansammlung hinter-sinniger Kunstobjekte, in Sieverstedt ist eine kleine Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert zu besichtigen, unweit von Stenderup passieren wir mit dem aus der älteren Bronzezeit stammenden Grönishy den höchsten der zahlreichen Grabhügel entlang des "Ochsenweges", und schließlich lockt der Idstedter See zu einem Sprung ins kühle Nass.

Im innersten Winkel der Schlei, der schmalsten, flachsten und mit mehr als 40 Kilometern am weitesten ins Binnenland hineinreichenden Ostseeförde, liegt mit Schleswig die älteste Stadt des gesamten Ostseeraumes. 804 wurde sie erstmals - als Wikingersiedlung Haithabu - erwähnt. Schleswig war in der Folgezeit Bischofssitz, Residenzstadt der Gottorfer Herzöge und Sitz der preußischen Provinzialregierung. Aus allen Zeiten haben sich steinerne Zeugen erhalten, die der Radfernweg auf seiner Stadtdurchfahrt berührt: Das Graukloster aus dem 13. Jahrhundert, der mächtige Sankt Petri-Dom mit dem einmaligen Bordesholmer Altar und das Schloss Gottorf mit der größten vorgeschichtlichen Sammlung der Bundesrepublik (Moorleichen) sind einige kulturelle Höhepunkte.

Unweit der heutigen Kreisstadt stoßen wir auf das größte archäologische Denkmal Nordeuropas, das Danewerk. Die seit 737 in mehren Phasen errichtete, 30 Kilometer lange Wallanlage sicherte in der Wikingerzeit und im Mittelalter die Schleswiger Landenge. Im gleichnamigen Dorf befand sich der einzige Durchlass - es verwundert daher nicht, dass der dortige "Rothe Krug" ein alter "Ochsenweg"-Krug ist.

"Du büs Kropper Busch noch ni vörbi!" Dieser Satz, der an der Vorderfront des alten "Ochsenweg"-Kruges "Kropper Busch" prangt, sollte die Ochsentreiber weniger vor Räubern und Wegelagerern als vor einem besonders schwierigen Wegstück warnen. Auf den sandigen Wegen durch den von Heideflächen durchsetzten ausgedehnten Wald versank so mancher Karren ... Auch wir haben auf der Passage des besterhaltenen und daher unter Denkmalschutz gestellten Abschnitts des historischen "Och-senweges" ganz schön zu kämpfen. In Fockbeck können wir beim Untertauchen im malerischen Armensee abkühlen.

Neben der Eider, Schleswig-Holsteins längstem (und schönstem) Fluss, gelangen wir nach Rendsburg. Das um 1200 als dänische Festung gegründete und 1253 zur Stadt erhobene Rendsburg entwickelte sich mit der vor einhundert Jahren erfolgten Anlage des Nord-Ostsee-Kanals zu einem wichtigen Handels- und Werftstandort. Nach einem Bummel durch die auf einer ehemaligen Insel in der Eider gelegenen Altstadt gilt es, die meist befahrene Seeschifffahrtsstraße der Welt zu überqueren: Mit der unter der imposanten stählernen Eisenbahnhochbrücke hängenden Schwebefähre, einem technischen Denkmal, gelangen wir vom Nord- zum Südufer des Nord-Ostsee-Kanals.

Hinter Jevenstedt teilt sich der Radfernweg. Wir folgen seinem westlichen Ast. Zwischen den Siedlungen Spannan und Legan rollen wir auf einem noch erhaltenen Stück des historischen "Ochsenweges". Die begleitende, bis zu fünf Meter hohe Wegedüne entstand, als Tausende von Ochsen den nur von einer dünnen Pflanzendecke überzogenen sandigen Untergrund aufwühlten und es danach zu lokalen Sandaufwehungen kam.

Den strategischen Wert der am Geestrand gelegenen heutigen Kreisstadt Itzehoe, wo mehrere alte Fernwege und die Stör, ein schiffbarer Nebenfluss der Elbe, zusammentrafen, hatte schon Karl der Große erkannt, als er 810 zum Schutze des Frankenreiches das Kastell Esesfelde anlegen ließ. Die im Mittelalter wohlhabende Kaufmannsstadt betrieb einen lohnenden Ochsenhandel, der "Ossenmarkt" wurde bis ins 19. Jahrhundert regelmäßig im Oktober abgehalten: Die nach der anstrengenden Frühjahrstrift abgemagerten jütländischen Ochsen wurden auf den Weiden der umgebenden Marsch "fett" gemästet und dann im Herbst als Mastochsen Gewinn bringend verkauft.

Mit Itzehoe verlassen wir die Geest und rollen bis zum Ziel des "Ochsenweges" überwiegend durch Marschland, dessen nährstoffreiche Böden bevorzugt als Weideland genutzt werden. Nun entfernt sich der Radfernweg weit von der Trasse des historischen "Ochsenweges". An der windungsreichen Stör entlang erreichen wir Schloss Breitenburg. Das in einen wunderschönen Park eingebettete Schloss stammt aus dem 19. Jahrhundert - ein im 16. Jahrhundert erbauter Vorgänger, der zu den prächtigsten Herrensitzen des Landes gehörte, wurde von Wallensteins Truppen 1627 zerstört.

Durch die platte Elbmarsch steuern wir die am Geestrand gelegene Kleinstadt Uetersen an. Diese geht zurück auf ein im Jahre 1235 gegründetes Zisterzienserkloster, das nach der Reformation in ein - bis heute existierendes - "Adeliges Damenstift" umgewandelt wurde. Inmitten der parkähnlichen Anlage steht eine spätbarocke Kirche aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, die eine prächtige Innenausstattung besitzt. Im Sommer lockt ein prächtig angelegter Rosengarten.

Vor diesem Rosarium stößt die Ostroute des "Ochsenweges" auf "unsere" Westroute. Nun bedarf es nur noch eines kurzen Endspurts, um durch das Naturschutzgebiet Holmer Sandberge mit seinen imposanten Binnendünen an die Elbe und damit nach Wedel zu gelangen. In dem 1212 erstmals erwähnten Ort fand seit Ende des 15. Jahrhunderts unter der mächtigen Roland-Figur, dem Zeichen der vom Kaiser verliehenen Marktgerechtigkeit, ein lebhafter Ochsenhandel statt. In Wedel endet der Radfernweg "Ochsenweg". Wenn sie auch eigentlich nur für die den nahen Hamburger Hafen anlaufenden Ozeanriesen gedacht ist - von der am Elbstrand stehenden Schulauer Schiffsbegrüßungsanlage lassen auch wir uns nach einer erlebnisreichen "Radtrift" durch Schleswig-Holstein gern begrüßen.

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