Schmalkalden : Unterirdische Löcher lauern auch woanders

Nicht nur Schmalkalden ist gefährdet, in vielen Gegenden Deutschlands lauern unterirdische Löcher

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Mit schwerem Gerät wird der Kies in die Nähe des Kraters in Schmalkalden gebracht. Das Auffüllen des Lochs in Thüringen soll bis zu zehn Tagen dauern.Weitere Bilder anzeigen
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04.11.2010 11:33Mit schwerem Gerät wird der Kies in die Nähe des Kraters in Schmalkalden gebracht. Das Auffüllen des Lochs in Thüringen soll bis...

Der Schlund hat sich beruhigt. Es sei nur noch wenig Material vom Rand abgebrochen und ins Zentrum des 20 Meter tiefen Kraters von Schmalkalden gerutscht, berichtete Landrat Ralf Luther am Dienstag. Am Abend noch sollte ein Spezialbagger aus Brandenburg eintreffen, der das Loch in der thüringischen Stadt mit 20 000 Kubikmeter Kies verfüllt. Sie sollen die Flanken des Kraters stabilisieren und weitere Einbrüche verhindern.

Der Schreck war groß, als sich in der Nacht zu Montag in dem Wohngebiet plötzlich ein riesiges Loch auftat und die Straße förmlich verschlang. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden. Am Dienstag konnten die Bewohner von vier der zunächst neun evakuierten Häuser in ihre Wohnungen zurück. Ob sie ruhig geschlafen haben?

Die Unglücksursache ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Wahrscheinlich hat Grundwasser im Untergrund bestimmte Gesteinsschichten gelöst und so im Lauf der Zeit einen Hohlraum geschaffen. Bricht die Decke, entsteht ein trichterförmiges Loch. Doline sagen Experten dazu.

„Solche unterirdischen Hohlräume können an vielen Orten in Deutschland entstehen“, sagt Joachim Tiedemann, Professor für Ingenieurgeologie an der TU Berlin. Etwa in Hessen, Nordbayern, Thüringen, Niedersachsen, am Harz – überall dort, wo es lösliche Schichten wie Steinsalz, Gips oder Kalk gibt. Mithilfe von geophysikalischen Messungen, die das Erdreich wie ein Computertomograf durchleuchten, können zwar einige der Hohlräume identifiziert werden. „Aber die Technik hat Grenzen“, warnt Tiedemann. Je tiefer der Hohlraum liegt und je kleiner er ist, umso schwerer sei es, ihn zu detektieren.

Bei konkreten Bauvorhaben wie Straßen oder Häusern setzen die Ingenieure zudem mehrere Erkundungsbohrungen an, um wie mit einem Endoskop den Untergrund genauer zu studieren und mögliche Hohlräume zu finden. „Das ist aber teuer, ein flächendeckendes Bohrprogramm für alle gefährdeten Gebiete ist illusorisch“, sagt der Ingenieurgeologe. „Auch in Zukunft werden Erdfälle auftreten, eine hundertprozentige Sicherheit wird es niemals geben.“

Das sagt auch Christian Moormann, Professor für Geotechnik an der Universität Stuttgart. „Aber nicht jeder Hohlraum stürzt zwangsläufig ein“, fügt er hinzu. Wenn die Deckschichten stabil sind, bleiben die Löcher bestehen. „Sonst gäbe es keine Tunnel.“

Dort, wo Einsturzgefahr besteht, könne der Untergrund mit technischen Maßnahmen stabilisiert werden, sagt der Ingenieur. „Beim Straßenbau werden beispielsweise in den unteren Schichten Geotextilien verlegt, die wirken wie ein Sicherheitsnetz bei einem Hochseilartisten.“ Sollte ein Erdfall auftreten, hält das Gewebe die Fahrbahn oben und es bildet sich nur eine Mulde statt eines tiefen Lochs.

Auch in Süddeutschland sind Dolinen verbreitet. Dort ist es der sogenannte „Gipskeuper“, der leicht ausgewaschen wird und Hohlräume bildet. Diese Schwachstelle wird von Stuttgart-21-Gegnern herangezogen. Moormann, der am Baugrundgutachten für das Großprojekt beteiligt war, hält die Gefahr für beherrschbar: „Es gibt Dolinen in der Gegend, aber die sind alt und wurden von der Natur über Jahrtausende verfüllt.“ Offene Hohlräume habe man trotz tiefer Bohrungen, die im Schnitt nicht mehr als 20 Meter voneinander entfernt sind, nicht gefunden.

Doch nicht nur die Natur hinterlässt Höhlen im Untergrund, die einbrechen können. Seit Jahrhunderten gräbt sich auch der Mensch auf der Suche nach Rohstoffen in die Tiefe. In Bergbaugebieten wie dem Saarland oder dem Ruhrgebiet sind darum ebenfalls Absenkungen des Untergrundes zu beobachten. „Selbst in Brandenburg gibt es solche Fälle“, berichtet Geologe Tiedemann. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde dort die Braunkohle teilweise aus unterirdischen Schächten geholt. Die liefen später mit Grundwasser voll. Jetzt, 100 Jahre später, zersetzt sich das Stützholz dieser Gänge und sie können einbrechen.

„Da sich nur lockerer Sand darüber befindet, bricht die Decke sofort vollständig ein und an der Oberfläche entsteht ein Krater“, erläutert Tiedemann. Sind die Deckschichten etwas fester, verzögert sich das Geschehen. Dann sinkt der Erdboden zunächst etwas ab, bevor es zum Einsturz kommt. Tiedemann hat das für einen Erdfall im hessischen Bebra rekonstruiert. „Dort war es ähnlich wie in Schmalkalden: Eine Straße ist zwischen den Wohnhäusern in die Tiefe gestürzt“, sagt der Geoforscher. Anwohner haben berichtet, sie hätten bereits Tage vorher Risse in der Fahrbahn entdeckt.

Die Ursache zeigte sich später. Zu spät.

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