Welt : Schnarchen: Was nervt da so?

Männer müssen schnarchen, damit sie die Frauen vor den wilden Tieren schützen" - die wohl poetischste Deutung eines Phänomens, das am Morgen wenig Romantik hinterlässt: Nicht nur die Raubtiere sind weg, auch der Partner. Getrennte Betten, getrennte Nächte, getrennte Beziehungen.

Schnarchen - viel Lärm um nichts? Belächelt wird das nächtliche Sägen nur von denen, die es nicht ertragen müssen. "Kein Mensch kann erklären, warum der Schnarcher sich selber nicht schnarchen hört", wunderte sich schon Mark Twain. Neu ist, dass endlich auch die wissenschaftliche Medizin aufwacht und erkennt: Bestimmte Formen führen beim Schnarcher zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Depression. Von den Folgen für den verhinderten Neben-Schläfer ganz zu schweigen. Wer einmal auf einer Berghütte im Matratzenlager eine Nacht verbracht hat, kennt die unerhörte Vielfalt männlicher Guturallaute. Da tönen die Kehlen um die Wette, flattern, röcheln, giemen, dass sich die Balken biegen.

So wie jede Stimme anders klingt, hat auch jeder Schnarcher aufgrund seiner speziellen Anatomie seinen eigenen Ton. Und der variiert noch nach Schlaftiefe und Tagesform. Denn an der Geräuschentstehung sind verschiedene Ressonanzräume und -böden beteiligt. Allen voran das Gaumensegel. Wer im Spiegel "A" sagt, kann am Ende des harten Gaumens diese weiche Wand sehen, die Mund- und Nasenhöhle trennt, damit beim Schlucken die Milch nicht aus der Nase wieder rausläuft, es sein denn, man lacht dabei. In die Mundhöhle ragt vom Gaumensegel wie ein Tropfstein das Zäpfchen, die Uvula. Der Gaumen-Kitzler ist tagsüber der Auslöser des Brechreizes. Nachts reizt er im Verein mit dem Gaumensegel die Ohren, wenn beide im Atemstrom zu knattern beginnen.

Über dem Kehlkopf kreuzen sich die Wege aus Mund und Nase. Von unten und von hinten engen Zungengrund und Rachenwand den Durchlass zusätzlich ein, und alles, was den freien Luftstrom verwirbelt, führt zu weiteren Dissonanzen. Das kann die verstopfte Nase sein, akut beim Schnupfen oder chronisch bei schiefer Scheidewand. Bei Kindern sind es häufig die Rachenmandeln, bei Erwachsenen ein Quäntchen zu viel Alkohol. Denn der entspannt nicht nur das Bewusstsein, er macht auch die Zunge "schwer" und den Rachen lax: beste Voraussetzungen für die Schnarch-Zone.

Gezielte Hiebe gegen Schnarcher

Die Muskeln entspannen sich auch beim gesunden Schlaf, abhängig von der Schlaftiefe. Denn seit man die Hirnströme im Schlaf messen kann, ist klar: Schlaf ist phasenweise ein höchst aktiver Zustand. Wellenartig wechseln sich nach dem Einschlafen die Täler der Delta-Wellen mit den Höhenflügen der REM-Phasen ab. "Rapid eye movement", schnelle Augenbewegungen, sind die Zeiten, in denen wir Augen und Körper bewegen, lebhaft träumen und uns dem Wachbewusstsein nähern.

Lange vor der Wissenschaft verstanden geplagte Frauen diesen Zyklus, denn in jungen Jahren sind in erster Linie sie die Zuhörer. Intuitiv holten sie ihren Götter-Grunzer aus dem völlig entspannten und damit schnarchanfälligen Tiefschlaf bis kurz vor das Aufwachen: mit gezielten Hieben in die Seite, Pfeifen oder Nase zuhalten, bis das Schnarchen aufhört. Nicht etwa weil der böswillige Schnarcher ein Einsehen hätte, sondern weil der Traktierte akute Gefahr wittert, in flachere Schlafgewässer gezerrt wird und sich automatisch der schlappe Rachenring strafft. Die Luft strömt wieder geräuscharm. Schafft die Triumphierende es nicht, augenblicklich einzuschlafen, geht der Teufelskreis ohne Sieger in die nächste Runde. Ein hoher Preis auf beiden Seiten: dem Schnarcher fehlen die für die Erholung wichtige natürliche Abfolge der Schlafphasen, und dem Lauscher erst recht.

Dabei hätten seine Klagen auch vor einem Arbeitsgericht Bestand: Schnarcher erreichen bis zu 90 Dezibel (dB). Bei aller Liebe ist das Stress, und mehr als an jedem deutschen Arbeitsplatz toleriert würde. Schutzbestimmungen gehen von gesundheitlichen Schäden bereits bei längeren Belastungen ab 70 dB aus, akute Gefahr besteht ab 85 dB.

Was also tun? Aus dem Leiden erklärt sich der Wunsch nach einem Allheilmittel, was es aber nie geben kann. Denn je nach dem wo und warum genau das Schnarchen entsteht, hilft dem einen ein Hausmittel, der andere muss ins Schlaflabor. Grundprinzip aller wirksamen Hilfen ist, der Luft die Passage zu erleichtern. Auf dem Rücken mit dem Kopf nach hinten schnarcht es sich besonders gut, weil der Zungengrund direkt über der Rachenwand liegt. Anti-Schnarch-Kissen oder ein eingenähter Tennisball im Rücken sollen den Schnarcher denn auch in die Seitenlage zwingen. Manchem reicht schon ein Hochlagern des Kopfes um 30 Zentimeter. Grafiken:
Die Wege der Atemluft
Sauerstoffzufuhr und Lautstärke Mehr Einsatz erfordert es, die einengenden Fettpölsterchen aus dem Rachen einzuschmelzen. Da hilft kein Reden, keine Problemzonen-Massage, denn die meisten Schnarcher sind schlicht übergewichtig. Eine ausgeglichene Kalorienbilanz hilft zu ausgeglichenem Schlaf. Hochtechnische Schnarcher-Brillen versprechen das gleiche, tatsächlich schrecken sie einen aus dem Schnarch-Stadium hoch, ohne Lerneffekt, nur zermürbend. Und "Schnarch-Tropfen" sind nichts anderes als ätherische Öle, die nur dann wirken, wenn das Atemhindernis tatsächlich in der Nase liegt. Gleiches gilt für Nasenpflaster oder Klammern. Immerhin, einen Versuch sind sie wert.

Aber gibt es denn keine Pille gegen das Schnarchen? Oder die Operation, die ein für allemal Ruhe schafft? In Ausnahmefällen können Medikamente den Atemantrieb im Hirn fördern, Operationen die mechanischen Hindernisse beschneiden. Heute wird mit Laser das Gewebe "eingedampft", Operationen mit dem Messer haben in der Vergangenheit oft genug Unheil angerichtet und zu dauernden Schluckbeschwerden geführt. Das Schnarchen aber ist nur dann wirklich weg, wenn die Diagnose stimmte. Deshalb gehören alle eingreifenden Maßnahmen in versierte Fachhände, genauso wie die schwerste und gefährlichste Form des Schnarchens.

Lebensgefährliches Schnarchen

"Das Schnarchen meines Mannes war so laut, dass ich selbst keinen Schlaf finden konnte", berichtet die Ehefrau eines Betroffenen. "Doch das Schlimmste waren jene ständig wiederkehrenden Momente, in denen sein Atem plötzlich aussetzte und es totenstill wurde", für einen Moment fürchtete sie, der Mann an ihrer Seite sei erstickt. Der merkte von alledem nichts, nur dass er immer so gerädert aufwachte und tagsüber müde war. Typisch "OSAS" - das obstruktive Schlaf-Apnoe-Syndrom.

Jahre nach der Erstbeschreibung 1978 in den USA wird auch hierzulande klar, wie viele betroffen sind: in Deutschland geschätzt zwischen 500 000 bis über zwei Millionen. Ist Schnarchen der hörbare Kampf des Körpers mit verengten Luftwegen, ist die Stille der Apnoe Anzeichen dafür, dass gar keine Luft mehr durch den Rachen eingesaugt werden kann. Zunge, Rachenwand und Gaumensegel werden durch den Atemversuch der Lunge noch fester aneinander gepresst. Bis zu zwei Minuten ringen Brustkorb und Zwerchfell um Luft. Der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt dramatisch ab, zum Teil bis auf weniger als die Hälfte des normalen Wertes. Der Puls wird langsamer, dann schlägt das Hirn Alarm. Kurz vor dem Ersticken reißt es den Schnarcher aus dem Tiefschlaf. Explosionsartig kehrt die Einatmung zurück, mit dem typischen sehr lauten Schnarcher nach der Pause endet die Qual für den Apnoeiker und seinen Zuhörer. Bis zum nächsten Atemstillstand.

Dieser Teufelskreis kann sich in der Nacht bis zu 600 mal wiederholen. Erholsam bzw. "entmüdend" wie es fachmännisch heißt, ist das nicht. Die Folgen sind fatal. Jede zerrüttete Nacht senkt die Lebenserwartung. Der Sauerstoffmangel im Hirn schlägt nicht nur auf die Stimmung. Die Mehrarbeit des Herzens gegen den erhöhten Lungendruck begünstigen Herzinfarkt und Schlaganfall. Und weil der Apnoeiker am Morgen erschöpft aufsteht, schläft er tagsüber ungewollt ein, droht ihm erhöhte Unfallgefahr.

Die richtigen ärztlichen Ansprechpartner sind über viele Disziplinen verteilt: HNO, Nervenärzte und Lungenfachärzte teilen sich das Klientel der Schlaflosen. Nach Klärung der anatomischen Verhältnisse und des Herz-Kreislaufsystems, geht die Detektivarbeit los. Ein ambulanter Schlafapnoe-Rekorder, nicht viel größer als ein Walkman und um die Brust gebunden, misst daheim eine Nacht lang das Schnarchen, die Sauerstoffsättigung im Blut, die Herzfrequenzvariationen wie auch Atemanstrengung und Atemfluss. Erhärtet sich der Verdacht auf Aussetzer, dann muss ein Schlafmediziner ran. Die Spezialisten testen, wie stark die sekundenlangen Lücken tagsüber in der Aufmerksamkeit sind. Am Laborbildschirm einen roten Punkt zu verpassen ist nicht tragisch. Im Gegensatz zu den Reaktorunfällen in Tschernobyl und Harrisburg, wo das "menschliche Versagen" massgeblich Übermüdung hieß.

Ein Rüssel schafft Abhilfe

Meist schon nach einer Laborübernachtung ist klar, welche Form der Apnoe es ist. Und damit auch: Heilung gibt es nicht, aber seit einigen Jahren endlich eine effektive Behandlung: eine Maske, über die Raumluft komprimiert in die Nase gepustet wird, in der Sprache der Eingeweihten: contiunous positive airway pressure - cPAP. Ein Gerät, so groß wie ein Handstaubsauger, neben dem Bett hält die Luftwege offen. "Man sieht mit der Maske aus wie ein Taucher mit Rüssel", schildert ein Betroffener. "Vor allen Dingen aber - es hilft. Die Tagesmüdigkeit ist verschwunden."

Das Bundessozialgerichts aus Kassel hat im Streit mit einer privaten Kasse (Az: 3 RK 3/96) festgestellt, dass ein schwerer Apnoe-Schnarcher, Anspruch auf ein elektrisches Druck-Beatmungsgerät hat. Die Krankenkassen fürchten zu Recht eine riesige Kostenwelle, wenn jede deutsche Schnarchnase maschinellen Gegenwind einfordert, und drängen auf strenge Kriterien für Diagnose und Beatmungstherapie. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin argumentiert dagegen: "Der Schaden durch nicht diagnostizierte und fehlbehandelte Schlaf-Wach-Störungen geht in die Milliarden, 2 700 000 Menschen nehmen regelmäßig Schlafmittel ein, ein Viertel der tödlichen Verkehrsunfälle auf Autobahnen sind durch Einschlafen am Steuer verursacht."

Die Therapie hilft dem Apnoeiker, dem "normalen" Schnarcher nutzt die Beatmungshilfe nichts. Und auch die Behauptung, der Lärm im Schlafzimmer würde die Lieben vor wilden Tieren schützen, lässt sich kaum erhärten. So wenig sicher bekannt ist, warum wir eigentlich schlafen müssen, so unwahrscheinlich ist ein Vorteil in der Evolution durch das Schnarchen. Seine Häufigkeit ist eher ein Nebeneffekt. Unsere nächs-ten Verwandten, die Affen, schnarchen jedenfalls nicht. Ihr Rachen ist weit genug. Dafür können sie aber auch nicht so differenziert artikulieren wie wir Menschen. Bei uns sind Zunge, Rachen und Kehlkopf sich in der Entwicklungsgeschichte immer näher gekommen, um unsere höchste Leistung zu ermöglichen: die Sprache. Ein schwacher Trost, für manch eine, deren schnarchender Partner tagsüber nichts erzählt, und nur noch nachts den Mund aufbekommt.

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