Schneemassen : Eingeschneit: Ganz langsam kriecht die Angst hoch

Im Norden Deutschlands werden hunderte Autos eingeschneit – die Insassen warteten auf Rettung.

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Autos im Schnee, Hochwasser in Lübeck, Rodelspaß auf den Hängen.dpa-Zentralbild

Die Autofahrt von Putbus nach Binz auf der Insel Rügen endet am Sonntagmorgen auf halber Strecke abrupt. Plötzlich steht eine meterhohe Schneewehe auf der Straße. Eben noch war die Straße trocken und gut befahrbar gewesen, bevor dichtes Schneetreiben die Sicht nahm. Hinter dem Wald wirbelte kräftiger Sturm den Schnee aus der Nacht zu einer regelrechten Nebelwand auf. In ihr verschwanden nicht nur die Fahrspur, sondern auch alle Begrenzungspfosten und selbst die Straßenbäume. Dann wurde das Auto mit lautem Knirschen ausgestoppt. Der Wagen hängt fest, und erst beim Aussteigen wird die Lage klarer. Mehrere Autos stehen quer zur Fahrbahn und sind bis zu den Autoscheiben zugeschneit. Von den Insassen keine Spur. „Die haben sich ins Warme geflüchtet“, ruft plötzlich eine Stimme aus dem Nebel. „Ich passe nur auf.“ Der Mann stammt aus Erfurt und war auf der Rückfahrt.

Ganz langsam steigt die Angst hoch. Liegen hier irgendwo unter den hohen Schneeverwehungen Menschen in ihren Autos begraben? Wie kommt man hier wieder weg? Wo kann man ins Warme flüchten? Muss man jetzt zwei Tage und zwei Nächte lang in eisiger Kälte im Auto verbringen und gegen den Erfrierungstod kämpfen? Wann kommen Rettungsmannschaften und graben die Autos aus?

Ein Meer von Schnee liegt über dem Land. In glatten weißen Wellen.

Die Retter kommen schneller als gedacht. Mit gewaltigen Maschinen räumen sie meterhohe Schneeberge beiseite und befreien die Autos.

Tausendfach spielten sich diese Szenen in der Nacht zum Sonntag und den ganzen gestrigen Tag in Mecklenburg-Vorpommern ab. Von „meterhohen Schneewänden“ sprachen Autofahrer in Boltenhagen und aus Neubrandenburg, die zusammenstehen und sich unterhalten.

Ganz schlimm traf es die Autobahn A 20 zwischen den nordöstlichen Brandenburger Landesgrenze und Stralsund. „Wir mussten mehrere Abschnitte komplett sperren“, sagte ein Polizeisprecher. Nördlich der Anschlussstelle Süderholz seien nach Schneeverwehungen mehrere hundert Autofahrer stecken geblieben. „Notdienste konnten sich nur mit viel Mühe einen Weg zu den Fahrzeugen bahnen.“ So konnten die rund 170 Betroffenen erst nach sieben Stunden vom Technischen Hilfswerk gerettet und versorgt werden. Sie wurden in Jarmen und Gützkow untergebracht. Den Angaben zufolge steckten auf der Autobahn 50 Autos, zwölf bis 20 Lastwagen und ein Reisebus fest. Quer stehende Lastwagen blockierten nach Angaben der Polizei in der Nacht die Fahrbahn, die auf einer Länge von 22 Kilometern in beide Richtungen gesperrt wurde.

Mehrere Ortschaften sind von der Außenwelt abgeschnitten.

Auch am Sonntagabend war die Ostseeautobahn A 20 wegen Verwehungen abschnittsweise gesperrt. Räumfahrzeuge kamen nicht voran, weil hunderte Autos eingeschneit festsaßen, und die ohnehin schmale Gasse zwischen den bis zu zwei Meter hohen Schneewänden blockierten. Manche Autofahrer waren die ganze Nacht über in ihren Autos gefangen. Andere suchten Hilfe in Häusern entlang der Autobahn oder fanden Platz in Pensionen. „Die Hilfsbereitschaft ist wirklich groß“, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs in Ostvorpommern. So hatte der Winter die Weiterfahrt eines Ehepaars mit einem neun Monate alten Säugling gestoppt. Ein Angehöriger der Freiwilligen Feuerwehr nahm die Familie bei sich zu Hause auf.

In weiten Teilen Schleswig-Holsteins sind Ortschaften auf dem Landweg nicht mehr zu erreichen. Einsatzkräfte berichten von bis zu drei Meter hohen Schneeverwehungen, aus denen sie Autos mit ihren Insassen ausgraben mussten. Der böige Nordostwind hat der gesamten Ostseeküste Hochwasser gebracht. Uferbefestigungen in Kiel und Travemünde haben sich gelöst, Deiche sind einer enormen Belastungsprobe ausgesetzt. Bootsbesitzer müssen mit erheblichen Schäden rechnen. Angespannt bleibt die Lage auf der Insel Fehmarn. Dort sitzen zahlreiche Urlauber fest. Über Stunden war nur die E 47 vom Festland nach Puttgarden frei befahrbar. Schweres Räumgerät mit drei Schneefräsen und mehreren Radladern ist unter Mithilfe der Bundeswehr seit Freitagabend im Einsatz. Kurzzeitig fiel am Sonntagvormittag auf der Insel auch der Strom aus. Neben den Schneemassen ist der Deich am Fehmarnsund das größte Sorgenkind der Insulaner. Auf etwa 25 Meter ist er unterspült worden. Am Sonntagabend gelang es den Einsatzkräften, die kritische Stelle mit Sandsäcken zu verstärken. „Wir gehen davon aus, dass das hält“, sagte der Feuerwehr-Einsatzleiter im NDR.

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