Welt : Schneeweißchen, wo bleibst du?

Die Skigebiete sind verzweifelt. Es schneit nicht. Nur auf den Gletschern ist Sport möglich

Markus Huber[Wien]

Kitzbühel zum Beispiel. Eigentlich hätte es am Wochenende in der Region um den mondänen Wintersportort in den gleichnamigen Alpen das große Ski-Opening geben sollen. Aber falsch. Mangels weißer Unterlage wurde die große Party verschoben, die Tourismus-Manager mussten kurzfristig umplanen und boten deswegen für das Wochenende Wanderprogramme an. Wandern kann man immer, auch auf grün-braunen Almwiesen.

Egal ob in Kitzbühel, am Arlberg oder in den Salzburger Wintersportorten wie Flachau oder Zell am See: Schnee ist in diesen Tagen auch in Österreich Mangelware, und nirgendwo ist das so gut zu beobachten wie über die Live- Cams des Spartensenders TW1, der den Österreichern vormittags Bilder von Wetterstationen im ganzen Land liefert. Statt schönem Weiß empfängt man da dieser Tage Aufnahmen von grünen Wiesen, an Skifahren denkt da keiner.

Auch die Technik kann da nicht nachhelfen. Nach wie vor ist es in Österreich ungewöhnlich warm, vor allem viel zu warm für diese Jahreszeit: Nur selten sinken die Temperaturen unter null Grad. In Wien wurden am Dienstag elf Grad plus gemessen. Wo kein Schnee ist, hilft auch keine Schneekanone. Die österreichischen Tourismus-Unternehmer stellen sich deswegen bereits auf eine magere Saison ein: Gerade die Tage vor Weihnachten ist jene Phase im Jahr, in der sie besonders gute Margen verzeichnen. Doch Skifahren kann man derzeit nur in wenigen hochgelegenen Regionen wie Ischgl, Obertauern oder der Reiteralm bei Schladming.

Sollte der Schnee nicht bald kommen, oder zumindest die Temperaturen sprunghaft sinken, dann könnte es auch das Weihnachtsgeschäft wegspülen – und dann hätte Österreich wirklich eine handfeste Krise. Denn vor allem in Tirol, Salzburg, aber auch in Kärnten hängt die Tourismus-Industrie allein am Schnee. Alternativkonzepte für den Wintertourismus gibt es so gut wie nicht, dabei, so sagen Klimatologen genauso wie Trendforscher, wären die bitter nötig. Nach Angaben der Klimaforscher der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik lagen die Temperaturen im September, Oktober und November im Monatsmittel bis zu 3,5 Grad über dem langjährigen Durchschnitt, der Niederschlag sogar um 75 Prozent unter der Normalmenge. Laut den Klimaberechnungen dürfte das aber nicht die Ausnahme sein, sondern zur Norm werden – und das führt dazu, dass die Ski-Industrie ein handfestes Problem bekommt. Nach den Klimatabellen soll in den nächsten Jahrzehnten die Durchschnittstemperatur in den Ostalpen um bis zu vier Grad ansteigen. Die Schneegrenze dürfte sich immer weiter hinaufschieben, für den Trendforscher Andreas Reiter sind „Skiliftprojekte unter 1800 Metern Seehöhe deswegen zum Scheitern verurteilt“. Nach wie vor investieren die Seilbahnbetreiber aber auch in diesen Regionen, um immer neuere und bessere Talfahrten zu ermöglichen – die dann nur noch mit Kunstschnee beschneit werden können.

So es kalt genug ist. Langfristig setzt der Schneemangel aber auch den Handel unter Druck. Rund 450 000 Paar Ski werden in Österreich pro Jahr verkauft, dazu kommt noch das Zusatzequipment von Schuhen bis zur Thermounterwäsche. Schon jetzt stapeln sich in den großen österreichischen Sportläden die Winterartikel, und sollte es so warm bleiben, dann könnte der Handel auf den Skiern, die um die 500 Euro kosten, sitzen bleiben. Nach Angaben des Handelsforschers Fritz Aichinger werden in Österreich derzeit mehr Fahrräder als Skier verkauft – auch das ist ein Vorbote eines Strukturwandels. Einstweilen sind die Touristiker aber noch guter Hoffnung. In den nächsten Tagen soll es angeblich kälter werden, spätestens zu Weihnachten soll dann zumindest in den Wintersportgebieten endlich Schnee liegen. Sagen einige Meteorologen. Aber das ist eine Glaubensfrage.

Der ausbleibende Schnee macht auch die Schweizer Tourismusindustrie zunehmend nervös. Ein paar Flocken fielen am Wochenende auf der Alpensüdseite. Aber eben nur ein paar Flocken.

Wenig Gutes für die Schneefreunde verheißt die saisonale Vorhersage von MeteoSchweiz: Die Wetteragentur erwartet einen milden Winter mit einer Durchschnittstemperatur von mehr als 2,5 Grad – mehr als das Doppelte des 20-jährigen Durchschnitts.

Wer Wintersport treiben will, dem bleiben nur die Gletscher. Solange sie noch da sind.

Bleibt noch Wandern. Und Klettern. Das ist auch schön.

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