Welt : "Schnell wieder in ein Flugzeug steigen" - Der Experte Claus-Walter Herbertz über den Umgang mit Geiselopfern

27.12.1999 00:00 UhrVon Niemand denkt daran

Claus-Walter Herbertz (55) vom Institut für Konfliktforschung und Krisenmanagement in München beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit Flugzeugentführungen. Er hat selbst Schulungsprogramme für Fluggesellschaften konzipiert. Mit dem Juristen und Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Kriminalpsychologie sprach Armin Lehmann.

Niemand denkt daran, Opfer einer Geiselnahme zu werden. Wenn es doch passiert, kann man sich irgendwie schützen?

Schützen ist natürlich schwierig. Aber man kann sein Verhalten so einrichten, dass es die Entführer auf keinen Fall provoziert. Das ist das Wesentliche, dass man sich überlegt, wie wirkt mein Verhalten auf den anderen.

Hierbei passieren die meisten Fehler, auch bei denen, die verhandeln, weil sie sich nicht in die Entführer hinein versetzen. Ein normaler Passagier aber wird sich darüber keine Gedanken machen, hier stoßen wir an die Grenzen von Schulungsprogrammen.

Wird denn das Personal speziell geschult?

Ja, die werden geschult. Das ist seit vielen Jahren so üblich, beispielsweise bei der Lufthansa. Allerdings gibt es auch noch Gesellschaften, die keine Programme anbieten.

Welche körperlichen und psychischen Schäden können bei den Opfern eintreten?

Zu erst setzt eine Schockwirkung ein, im Fachjargon schließt sich dann die sogenannte Krise an. Diese Phase kann zu posttraumatischen Beschwerden führen die über einen langen Zeitraum anhalten.

Sind Kinder besonders gefährdet

Im Normallfall nicht. Kinder verarbeiten solche Erlebnisse besser, weil sie zum Glück spielerischer mit der Situation umgehen. Auf meiner Datenbank habe ich seit 1931 Informationen von über 1200 Entführungen gesammelt und untersucht, auch mit Opfern und Tätern gesprochen. Die Kinder haben meist die geringsten Probleme.

Wie können Psychologen helfen?

Wichtig ist es, die Geiseln auf ihr normales Leben vorzubereiten. Sie müssen so schnell wie möglich wieder das tun, was sie vorher schon getan haben. Sie müssen auch schnell wieder ein Flugzeug besteigen, um das Erlebte zu kompensieren.

Es sind ja nicht nur die Geiseln, sondern auch die Angehörigen, denen man helfen muss.

Ja das ist richtig. Zu einem psychologischen Programm gehört die Betreuung der Angehörigen. Wenn man jetzt die Bilder aus Neu-Dehli sieht, welche Qualen die Menschen durchleiden, sie stehen ebenso unter Schockwirkung wir diejenigen im Flugzeug.

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