Welt : Schnitzel für die Katzen

Thomas Migge

Sie finden sich in jedem römischen Stadtviertel. Man nennt sie "gattare" und meint damit Frauen, die sich um Katzen kümmern. Um freilebende Katzen. Die "gattare" sind in der Regel alleinstehende und ältere Damen, die ihren "gatti" drei Mal am Tag Futter in Plastiktellern auf Mäuerchen und an Straßenecken stellen. Während ihre "tesorini", ihre Schätzchen futtern, stehen sie dabei und sind glücklich.

Rom und seine Katzen. Das war Anfang November das Thema einer Sitzung des römischen Stadtrats. Oben auf dem Hügel, auf dem Michelangelo das Kapitol errichtete und wo heute der linksdemokratische Bürgermeister Walter Veltroni residiert, stritt sich die Mitte-Links-Mehrheit mit der Mitte-Rechts-Opposition um so etwas Existentielles wie die Vierbeiner.

Diskutiert wurde der Vorschlag Veltronis die römischen Katzen zu ehren. Ein Unding für stramme Rechte, die so eine Idee als "linkes Tierliebhabergewäsch" abtaten. Je lauter die Diskussion wurde, umso entschieder wurden die Linksdemokraten. Schließlich entschieden sie mit ihrer Mehrheit im Stadtrat ein italienisches Novum. Roms Katzen sollten zum biologischen Patrimonium erklärt werden. Von dem Stadtratsdekret profitieren jene Tiere, von denen nach vorsichtigen Schätzungen der Umweltschutzorganisation Legambiente mindestens 10 000 um die sieben Hügel Roms streichen. Die prominenteste Katzenkolonie der Hauptstadt befindet sich auf dem Largo Argentina. Das ist ein viereckiger grosser Platz, den Mussolini in den 30er Jahren von allen Gebäuden befreien liess um das republikanische Forum des antiken Rom auszugraben. Heute präsentieren sich die Säulen und Gebäudereste wie eine Ruheinsel inmitten eines brausenden Verkehrs.

Mitten in diesem republikanischen Forum wohnen zirka 400 Katzen. Star-Katzen, die von berühmten "gattare" verwöhnt werden. Politikergattinnen, Schauspielerinnen und Talkmasterinnen lassen es sich nicht nehmen, die Katzen vom Largo Argentina höchstpersönlich mit feinsten Leckerbissen zu verwöhnen. Träge und fett lagern die Tiere den Tag über auf Säulenstümpfen und Mauern und begutachten, was ihnen kredenzt wird. Besonders viele Tiere halten sich in jener Apsis auf, die einmal zu einem Theater gehörte. In dieser Apsis soll Julius Cäsar ermordet worden sein. Unternehmersgattin Lollo Marini wohnt gleich um die Ecke und bereitet ihren Katzen am liebsten Putenschnitzel zu.

Am Largo Argentina fand am Mittwoch eine bürgermeisterliche Zeremonie statt, mit der die Katzen als biologisches Patrimonium der Stadt Rom erklärt wurden. Anwesend waren der Bürgermeister und einige Assessoren. Der Tierschutzassessor verlas eine Rede an die Tiere, die das ganze Prozedere schnell langweilte, waren sie doch vielmehr an Futter und ganz und gar nicht an vielen Worten interessiert.

Das neue Statut für Katzen sieht vor, dass alle Römer die Verpflichtung haben, sich um die städtischen Tiere zu kümmern. Sie dürfen nicht gequält werden und wer eine Katze überfährt und dies nicht meldet, kann unter Umständen der Fahrerflucht angeklagt werden. Der römische Biologe Marco Martini meint "die Leute werden sich noch wundern, wenn die Katzeninvasion der letzten Jahre fortschreitet". Schon jetzt "leben zu viele überfettete Tiere in der Stadt" und wenn die Römer in die Ferien fahren, weiss er, "dann verhungern die Katzen".

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