Welt : Schönberg-Biografie: Ein Jahrhundertgenie

Friedemann Kluge

In den 50er Jahren konnte sich ein Kleinkind für seine Kritzeleien schon einmal das ironisch-ermunternde Lob einfangen: "Du malst ja schon wie Picasso!" Und entlockte dasselbe Kind irgendeiner Tröte Mundharmonika nervtötende Kakophonien, hieß es: Das hört sich ja an wie Schönberg!"

Das hatte er kommen sehen. 1918 schrieb Schönberg resigniert in einem Brief an Alma Mahler: "Die Leute glauben immer, wenn etwas recht unklar klingt, dann ist es der richtige Schönberg." Schönberg, genialer Komponist, begabter Maler, begnadeter Pädagoge, inspirierter Bastler und Tüftler, pointiert-witziger Schreiber und Aphoristiker und sogar Erfinder: Wie kommt ein solches Jahrhundertgenie zu einer solch mangelhaften Reputation? Sein Biograph Matthias Henke stellt sich selbst die rhetorische Frage, ob man Schönbergs Werk nicht vor jenen Kritikastern bewahren müsse, "die es unter Zuhilfenahme der lingua tertii imperii erneut diskreditieren, nur weil es anders ist, anders als der Mainstream, als popartige Klassik oder klassikartiger Pop?"

Eines ist gewiss: Von Ausnahmen abgesehen (wie jenem Kritiker des "Berliner Tageblatts", der 1912 ein Schönberg-Konzert verriss, ohne es selbst überhaupt gehört zu haben) war Schönbergs Musik beim Publikum exakt bis zur Machtergreifung der braunen Kulturdumpfbacken erfolgreich. Das beweisen vielumjubelte Aufführungen seiner "Kammersymphonie" op. 9, der "Orchesterstücke" op. 16, seines "Pierrot lunaire" oder seiner "Gurrelieder". Systematisch diskreditiert wurde diese Musik erst unter den Nazis - in bester Gesellschaft mit Mendelssohn, Mahler und anderen. Während Mendelssohn in Deutschland aber schon bald nach dem 12-jährigen Spuk wieder gespielt wurde und die Mahler-Renaissance mit einiger Verspätung ungefähr Anfang der 70er Jahre einsetzte, zeigt der auf Schönberg liegende Bannfluch auch heute noch Wirkung: Einerseits ist Schönbergs gewaltiges Oeuvre in den Konzertprogrammen und Spielplänen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, andererseits bleiben immer noch Stühle leer, wo seine Kompositionen erklingen.

Daran wird leider auch Henkes engagiert geschriebene und reich illustrierte Biographie nichts ändern: Wer diese Musik aus schlichter Ignoranz nicht zu mögen glaubt, der wird sich schon deshalb nicht belehren lassen, weil er das Buch gar nicht erst zur Hand nimmt. Doch was Henke zusammengestellt hat, ist beachtlich. Ein Buch, prallvoll mit teilweise sogar recht entlegenen Informationen über eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, dem man es anmerkt, dass sein Verfasser gern noch mehr, viel mehr geschrieben hätte. Je weiter sich das Bändchen nämlich seinem Ende nähert, desto mehr greift der Autor, fast atemlos, zur reinen chronologischen Aufzählung. Und dabei hätte Henke, der Lesre spürt es, mit seinem Wissen und seinem Leselust schaffenden Schreibvermögen gut die doppelte Seitenzahl füllen können!

Für alle jene Berliner, denen der Name des Erfinders der Zwölftonmusik auch weiterhin nur als Signal gilt, das Radio abzuschalten: Nicht ihm, aber seinem Bruder Heinrich verdanken sie es, dass sie heute ganz selbstverständlich von der U- in die S-Bahn, von dieser in den Bus und in die Straßenbahn umsteigen können. Er nämlich "erfand" Mitte der 20er Jahre in Berlin die Umsteigefahrkarte. Die Nazis brachten ihn 1941 um, was wiederum Arnold Schönberg zu einem seiner ergreifendsten Werke inspirierte: sein Oratorium "Ein Überlebender aus Warschau" op. 46. Wäre das nicht Grund genug, einmal ruhig und geduldig hineinzuhören und sich faszinieren zu lassen von einem Werk, das, so Henke, "durch seine Unmittelbarkeit im Ausdruck selbst weniger geübte Hörer in den Bann ziehen, ja bestürzen sollte"?

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