Welt : Schöner leben

Münster ist zur „lebenswertesten Stadt der Welt“ erklärt worden – vor allem der Umwelt wegen

Matthias Oloew

In der Stadtverwaltung der US-Metropole Seattle werden sie heute wahrscheinlich verwundert im Atlas blättern und im Internet recherchieren. Was, bitte, hat Münster, das wir nicht haben? Und wo liegt das überhaupt?

In der heimlichen Hauptstadt Westfalens dagegen ist die neue Auszeichnung für Münster vor allem eine Bestätigung dessen, was die Münsteraner ohnehin schon lange über ihre Stadt denken. Ausgezeichnet mit dem „LivCom-Award 2004“ darf sich Münster in der Liga der Städte zwischen 200000 und 750000 Einwohnern nun als „lebenswerteste Stadt der Welt“ bezeichnen. In der Endrunde hat sie sich souverän gegen Seattle durchgesetzt und Platz eins belegt.

Sie sind mit einigem Selbstbewusstein gesegnet, die rund 280000 Einwohner von Münster. Das ist vermutlich schon seit 1535 so, als der Bischof mit seinen Getreuen die Stadt belagerte und die Schreckensherrschaft der radikal-reformistischen Wiedertäufer in der Stadt beendete. Die Wiedertäufer wurden besiegt, und ihre Leichen in Käfigen am Turm der Lambertikirche zur Schau gestellt. Die Käfige hängen immer noch dort. Und das Selbstbewusstsein der Münsteraner ist immer noch obenauf.

Grund dafür ist aber auch der relative Wohlstand der Stadt, der sich vor allem dadurch erklärt, dass der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen ihren Beamten regelmäßig die Gehälter überweisen. Münster ist nämlich in erster Linie die Stadt der Beamten in Verwaltung, Gerichten oder Bundesanstalten. Und dann ist Münster Sitz des nicht unwichtigen katholischen Bischofs Reinhard Lettmann. Sie alle sorgen dafür, dass die Stadt ein gutes Auskommen hat , was sich auch in der sehr gepflegten Fußgängerzone zeigt. Statt der üblichen Ladenketten gibt es hier noch viele Einzelhändler, die seit Generationen ihr Geschäft zum Beispiel am arkadenumsäumten Prinzipalmarkt betreiben.

Das würde alles in allem eher langweilig klingen, gäbe es in Münster nicht seit 1780 eine Universität. Münster ist heute eine der größten Universitätsstädte Deutschlands. Im Gegensatz zu den Beamten leben die Studenten in einer Parallelwelt mit ihren Kneipen, Restaurants und Diskotheken. Sie haben die Stadt mindestens so wie die Beamten und die katholische Kirche geprägt, und die restlichen Münsteraner davon überzeugt, wie praktisch das Fahrrad als Verkehrsmittel ist.

Überall sind Radwege angelegt, sogar ein eigenes Fahrradparkhaus gibt es in der Stadt, und die vielen tausend Pendler fahren auf ihren „Leezen“ (so nennen die Münsteraner ihre Fahrräder) morgens zum Bahnhof und abends wieder zurück. Wegziehen aus Münster, weil das Büro in Dortmund, Essen oder Osnabrück ist, das kommt für Münsteraner nicht in Frage.

Das alles wird in Seattle als Erklärung nicht überzeugen. Die US-Großstadt hat mit Boeing eine riesige Industrie, einen internationalen Flughafen (mit Direktflügen nach Europa), die malerische Pazifikküste und mit Nirvana eine Band von Weltrang, die ihre Karriere hier begonnen hat. Und Münster? Münster hat den Aasee, den ein großer Park umgibt und damit die grüne Lunge der Stadt bildet. Und es hat immerhin Alphaville, die es in den 80ern von Münster aus mit „Big in Japan“ in die Charts geschafft haben.

„Wir können uns im internationalen Vergleich sehen lassen“, sagt der gerade wiedergewählte Oberbürgermeister Berthold Tillmann (CDU) und erklärt auch, in welchen Bereichen er das meint: „Mit unseren Konzepten im Bereich Stadtentwicklung, Umweltschutz und Grünflächenplanung.“ Vielleicht erklärt den Erfolg Münsters auch, dass weder das Nachtleben noch die Kulturszene für den „LivCom-Award“ bewertet wurden, sondern vor allem die Lebensqualität in Sachen Grün, Umwelt, nachhaltige Stadtentwicklung und bürgerliches Engagement. Die Auszeichnung vergibt nämlich eine britische Organisation – mit Unterstützung durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Internationalen Vereinigung der Gartenbauamtsleiter.

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