Welt : Schönes Schauspiel

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Von Frank Bachner

Sie ist es nicht, Experten sehen das sofort. Die Schultern sind zu schmal, das berühmte Tatoo, der Salamander in Hüfthöhe, fehlt. Es ist nicht Franziska van Almsick, die da langsam ihr Abendkleid abstreift, dann hüllenlos dasteht, mit scheinbar nacktem Po, den Rücken zum Betrachter, dann elegant in einen Pool springt und sich in einen Delphin verwandelt. In Dutzenden Kinos in Berlin ist diese Szene zu sehen, Höhepunkt und Schluss eines Werbespots, und viele fragten sich: Springt da Franziska van Almsick? Sie wirbt doch in dem Spot für das Mineralwasser eines österreichischen Unternehmens.

Sie ist es nicht, ganz sicher. Ein Körperdouble springt. Sie ist auch nicht wirklich nackt, die Frau, sie trägt einen hautfarbenen Anzug, es sieht nur so aus, als sei sie hüllenlos. Aber der Effekt ist der Gleiche, und darauf nur kommt es an.

Franziska van Almsick wäre auch nie nackt gesprungen. Das hat sie beim Lesen des Drehbuchs gesagt. „Ganz ausziehen möchte ich mich nicht“, hatte sie ihrer Managerin Regine Eichhorn mitgeteilt. Aber einen hautfarbenen Anzug, so wie das Model im Film, den hätte sie getragen. Sie ist ja nicht prüde, sie ist 24. Sie hat schon für Hochglanzmagazine freizügige Fotos gemacht, nur nackt, ganz nackt war sie noch nie zu sehen. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Aber sie hatte gar keine Chance, in den Pool zu springen, weder nackt noch mit hautfarbenem Anzug. Der Werbespot entstand in Florida, an einem einzigen Tag, und mehr als einen Tag hatte Franziska van Almsick auch nicht Zeit. Sie war im Trainingslager in Florida, Teil ihrer Vorbereitungen auf die Schwimm-Europameisterschaften, die am Donnerstag in Berlin beginnen. Die Dreharbeiten begannen in aller Herrgottsfrühe, und sie dauerten bis zum Abend. Der Regisseur ließ alle Einstellungen x-mal wiederholen, und es war klar, dass bis zum Abend nicht alle Sequenzen mit Franziska van Almsick abgedreht werden konnten.

Also arbeitete die Produktion parallel. Alle Szenen, in denen nicht das Gesicht der Weltrekordlerin über 200 m Freistil zu sehen ist, wurden an einem anderen Ort gedreht, vor allem aber mit einem Double. Also sprang eine andere Frau mit langen Haaren in den Pool, und bei der Vöslauer Mineralwasser AG, dem Auftraggeber des Spots und neuem Sponsor von Franziska van Almsick, freuten sie sich vermutlich wie kleine Kinder, weil jeder rätselte, ob sie’s nun ist oder nicht. Bessere Begleitgeräusche zu einem Werbespot gibt’s ja eigentlich nicht. Bis Ende Juli läuft der Spot noch in Berlin, und zwar nur in Berlin. Die deutsche Metropole ist eine Art Versuchsballon. Vöslauer will auf den deutschen Markt, und Berlin ist das Testgebiet. Gut möglich, dass der Werbespot dann bundesweit läuft. Na gut, eigentlich ist das ja so gut wie sicher, der Werbeffekt ist groß genug bei diesen Diskussionen.

Damit war zu rechnen, Marketing-Experten haben herausgefunden, dass Franziska van Almsick in Deutschland einen überdurchschnittlich hohen Sympathiewert genießt. „Es gibt keine negativen Stimmen, jedenfalls nicht flächendeckend“, sagt Vöslauer-Vorstandschef Hudler.

Viel interessanter ist – auf den ersten Blick – der Zeitpunkt, an dem sich das Unternehfür van Almsick entschied. Im Herbst 2000, kurz nachdem die Top-Schwimmerin bei Olympia enttäuscht hatte und von einer Boulevardzeitung als „Franzi van Speck“ verhöhnt wurde. Sportlich, das suggerierte die Häme, ist die Berlinerin ein Auslaufmodell.

Aber das ist nur der oberflächliche Blick, der Blick auf die Sportlerin van Almsick. Das ist nicht der Blick auf das Phänomen van Almsick. Das Phänomen van Almsick hat längst eine andere Wahrnehmungsebene erreicht. Die Schwimmerin wird als zeitlose Persönlichkeit gesehen, Titel, Zeiten und Medaillen gelten nur noch als lästiges Beiwerk.

„Ihre sportliche Leistung war für uns uninteressant“, sagt Hudler. Er hatte im Herbst 2000 ein paar wichtige Mitarbeiter zusammengerufen, und die Runde suchte eine „junge, attraktive, aktive und bekannte Frau“, die „Wohlbefinden“ verkörpern sollte. Das Unternehmen wollte neue Produkte, erst mal in Österreich, auf den Markt bringen. Der von Models fiel, Nadja Auermann zum Beispiel, und dann sagte jemand: „Franziska van Almsick“. Keine weitere Sportlerin wurde erwähnt. Van Almsick wurde genommen. „Wir haben sie gefühlsmäßig gewählt“, sagt Hudler.

Es hat ihr geschmeckt

Dann übernahmen die Marketing-Fachleute. Sie testen Sympathiewert und Glaubwürdigkeit der Athletin. Van Almsick war damals sportlich abgetaucht, sie hatte einen Bandscheibenvorfall. „Die Untersuchungen ergaben, dass sie in Österreich weit über dem Durchschnitt liegt“, sagt Hudler. Der Vertrag, Laufzeit für Österreich bis 2003, wurde unterzeichnet. Ab April 2001 lief der Spot in Österreich. Es habe gute Resonanz gegeben, sagt Hudler. „Sie wirkt absolut glaubwürdig und authentisch.“ Das ist entscheidend. „Ein sportlicher Erfolg ist für uns das Sahnehäubchen“, sagt er. „Aber er muss nicht sein.“

So denkt nicht bloß Hudler. Werbepartner ketten sich schon lange nicht mehr mit ihren Erwartungen an sportliche Resultate von van Almsick. Das wäre auch riskant. Andererseits müssen sie das auch gar nicht. Van Almsick gibt als Persönlichkeit genug her. Sie steht im Rampenlicht seit sie 14 ist, aber sie war noch nie dieser aalglatte, künstliche Typ, der einstudierte Antworten und antrainierte Gesten einsetzt, um gut zu wirken. Sie weint, wenn’s ihr schlecht geht, sie freut sich über Erfolge, sie plappert oft genug drauflos, die Öffentlichkeit hat noch immer eine Franziska van Almsick pur erlebt. Mit ihren ganzen Katastophen und ihren ganzen Erfolgen. Sie ist im Lauf der Zeit höchstens vorsichtiger geworden mit ein paar Aussagen, aber sie verstellt sich nicht wirklich. Das ist die Glaubwürdigkeit, die Hudler meint.

Er hatte sie nach einem Wettkampf in Wien präsentiert. Die Presse war da, das Fernsehen, und ihr Sponsor hatte Mineralwasserflaschen aufgebaut. Sie musste es trinken, das gehörte zum Job. Aber als die Kameras abgeschaltet waren, beobachtete Hudler, dass sie es noch mal trank. „Es hat ihr wirklich geschmeckt“, sagt er. Van Almsick geht nicht auf in der Rolle des Medienphänomens, sie betrachtet Offerten nicht als gottgegeben. Sie sagt: „Es war schön, dass jemand zu mir kam, als ich unten war.“

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