Schönheitsoperation : Keine schöne Bescherung

Ein Gutschein für eine Schönheitsoperation hat auf dem weihnachtlichen Gabentisch nichts zu suchen. Denn nicht immer steckt hinter der Frage "Bin ich schön?" der Wunsch nach Veränderung.

Adelheid Müller-Lissner
Schönheit
Bin ich schön? Ein Schönheits-OP-Gutschein ist meist die falsche Antwort -Foto: imago

Das Mädchen klagt seit Jahren über seine zu lange Nase. Nun haben die Eltern sich dazu durchgerungen, der Tochter zu Weihnachten die ersehnte Operation zu schenken. Die Ehefrau versichert ihrem Mann, mehr als über ein neues Schmuckstück würde diese sich über ein Facelifting freuen. Soll man ihr nicht das schenken, was sie sich am sehnlichsten wünscht?

Gutscheine für den Einkauf in der Edelparfümerie oder bei der Lieblingsboutique liegen schon seit Jahren unter vielen deutschen Weihnachtsbäumen. Kommen dazu jetzt immer mehr die Schecks für Schönheitschirurgie? Hinweise darauf gibt es, wenn auch noch keine harten Zahlen. Dass sich die ästhetischen Eingriffe in den Wintermonaten häufen, hat ja auch praktische Gründe: Schwellungen nach einem Facelifting sind im Sommer unangenehmer, dann will man auch lieber am Strand schon die Erfolge der Fettabsaugung zeigen können, statt unter der Kompressionskleidung zu schwitzen, die nach dem Eingriff angesagt ist.

Gibt man bei Google die Begriffskombination „Schönheitsoperation“ und „Weihnachten“ ein, dann bieten jedoch tatsächlich einige Kliniken ganz gezielt ihre Geschenkdienste an. Und Günter Germann, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), berichtet, er lerne in seiner Ludwigshafener Klinik immer wieder Patienten kennen, denen eine solche Operation von Eltern oder Partnern zu einem besonderen Anlass geschenkt wird – zum Abitur Nasenverkleinerung oder Brustvergrößerung für die Tochter, zum Geburtstag oder zum „Fest der Liebe“ eine Straffung der Gesichtshaut für die Gattin. Meist ist das ein großzügiges Geschenk, das das Konto des Schenkers mehr belastet als manches Schmuckstück in den Auslagen der Juweliere. So kostet eine „neue Nase“ in vielen Fällen rund 5000 Euro.

Chirurgen raten manchmal ab

Der Preis ist möglicherweise aber nicht das größte Problem bei der Sache. „Wenn es um ästhetische Eingriffe geht, sollte man den geäußerten Wunsch ganz grundsätzlich vom Geschenk trennen“, mahnt Germann. Zunächst ist nicht auszuschließen, dass es sich hier gar nicht um einen Wunsch handelt, sondern um eine Frage an den Partner: Findest du mich (noch) schön? Auf eine solche uneingestandene Frage ist ein Gutschein für einen plastisch-ästhetischen Eingriff die verheerendste aller Antworten. Auch Kinder könnten das Geschenk ihrer Eltern als eine solche Form der Zurückweisung empfinden – problematisch unterlegt zudem mit dem schlechten Gewissen, dem Kind die „falschen Gene“ mitgegeben zu haben. Dabei wollen Eltern oder Partner sich wahrscheinlich nur großzügig und hilfsbereit zeigen. „Wer diese Unterstützung aber in Form eines Gutscheins zu einem Anlass wie Weihnachten ausdrückt, läuft Gefahr, seine Lieben zeitlich und psychologisch unter Druck zu setzen“, sagt Germann. Der Chefarzt der Klinik für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der Unfallklinik in Ludwigshafen legt Wert auf die Feststellung, dass er und seine Kollegen in manchen Fällen auch von Eingriffen abraten. „Nach unseren Erfahrungen hat jeder zwanzigste Patient ein Problem, das besser mit psychotherapeutischer Hilfe gelöst werden sollte.“ In einigen Fällen arbeiten er und seine Kollegen dann mit Psychologen zusammen. Einem Menschen, dessen Wahrnehmung des eigenen Körpers schwer gestört ist, ist mit der Operation der Nase nicht geholfen, denn er wird schnell die nächste Schwachstelle entdecken. Die falsche Angst, missgestaltet zu sein, ist übrigens kein modernes Leiden, sie ist keineswegs nur Ergebnis der medialen Dauerpräsenz angeblich perfekter Körper und Gesichter. Schon vor über 100 Jahren hat der italienische Psychiater Enrico Morselli den Krankheitsbegriff der „Dysmorphophobie“ geprägt.

Die Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie setzen sich seit Jahren von selbst ernannten „Schönheitschirurgen“ ab. Denn so darf sich in Deutschland jeder Arzt nennen. Bleibt die Frage, ob die vorweihnachtliche Mahnung der seriösen Operateure, den Verschönerungswunsch reiflich zu durchdenken und den Arzt sorgfältig auszuwählen, nicht manche Menschen überhaupt erst auf die Idee bringt, eine Operation auf ihren Wunschzettel zu schreiben. Nicht zuletzt, weil sie ihren Lieben gefallen wollen. Wenn es um die Schönheit geht, sollte man aber auch auf die Dichter hören. Die körperliche Perfektion rede zum Verstand, nicht zum Gefühl, sagt Thomas Mann in seinem Roman „Joseph und seine Brüder“. „Daher die Ödigkeit vollkommener Schönheit, bei der es nichts zu verzeihen gibt. Wirklich will das Gefühl etwas zu verzeihen haben, sonst wendet sich’s gähnend ab.“

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