Welt : Schrecken und Stolz von Malpartida

GARY ABRAMSON

Ein spanisches Dorf stöhnt unter der Storcheninvasion / Ein Tier auf fünf EinwohnerVON GARY ABRAMSON MALPARTIDA DE CACERES (AP).Der Weißstorch gilt als eine gefährdete Tierart, deren Lebensraum durch den Menschen immer mehr eingeengt wird.In Deutschland wird die Ankunft der ersten Störche Jahr für Jahr mit banger Sorge erwartet und freudig begrüßt.Gemeinden im Elsaß, in Norddeutschland sowie in ostdeutschen Bundesländern, vor allem in Brandenburg, kommen auch heute noch in den Genuß, diese Tiere beherbergen zu dürfen. Ganz anders liegen die Dinge in Spanien.Es ist das Land mit der höchsten Storchendichte in Europa und die charakteristischen wagenradgroßen Nester auf Dächern und Kirchtürmen sind auf dem Lande ein gewohnter Anblick.Alle Rekorde allerdings schlägt die kleine Gemeinde Malpartida de Caceres in der Extremadura, wo auf fünf Einwohner ein Storch kommt.Die jährliche Invasion der Vögel ist für die 2500 Einwohner aber nicht nur ein Grund zu Stolz und Freude, die Tiere sind auch der Schrecken mancher Gemeindemitglieder. Nichts ist sicher.Isabel Lancho ruinierten sie die Kleidung, Maxima Pedrera kann nicht mehr Fernsehen, seit eine Storchenfamilie auf ihrer Satellitenschüssel ihr Nest gebaut hat und den Dorfpfarrer Roman Robledo hätte ein herabfallendes Nest mit einem Gewicht von 300 Kilo fast das Leben gekostet.Beim sonntäglichen Kirchgang oder auf dem Weg zum Gasthaus ist kaum jemand davor gefeit, daß ihm die eleganten Flieger mit ihren Kotgeschossen den Sonntagsstaat verätzen.Einige Bewohner wie jene ältere Frau, auf deren Haus allein elf Storchennester sitzen, fürchten gar um die fragile Statik ihrer Gebäude. Die Pro-Storchen-Fraktion im Städtchen wird angeführt vom Bürgermeister Jimenez."Einige Leute sind tolerant, andere beschweren sich jeden Tag", sagt er.Er zeigt den Fremden, die sich in sein kleines Vogelparadies verirren, stolz eine Urkunde der Umweltschutzgruppe European Heritage Fund, in der Malpartida de Caceres als "Storchenstadt Europas" bezeichnet wird. Bemüht, den natürlichen Reichtum seines Ortes in klingende Münze und Popularität umzuwandeln, hat er eine "Storchenwoche" ins Leben gerufen. Obwohl Malpartida schon immer ein Storchenort war, ist der Grund für den heutigen Ansturm der Froschfänger nicht ganz klar.Ihre Zahl nimmt beständig zu, die letzte Zählung kam auf 534 Tiere.Eine Ursache sieht der Ornithologe Lorenzo Corrales in dem Umstand, daß die Landwirtschaft in der Umgebung und damit auch der für die Vögel lebensbedrohende Einsatz von Pestiziden und Insektiziden stark zurückgegangen ist.Die Hauptattraktion für die Vögel aber scheint die nahegelegene Müllkippe für die Abfälle der Provinzhauptstadt zu sein.In ihr finden die Tiere so reichhaltige Nahrung, daß einige von ihnen erst gar nicht mehr die beschwerliche Reise nach Afrika antreten und in Malpartida überwintern.

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