Welt : Schrecklich unbekümmert

In Hildesheim sind elf Jugendliche angeklagt, die einen Mitschüler monatelang brutal misshandelt haben

Heinrich Thies

Hildesheim - Die einen werden im Gefangenentransporter vorgefahren, die anderen stehlen sich durch die Reihen der Reporter und Fernsehleute – unscheinbar, verschüchtert; mit Krawatte oder im T-Shirt. Nahezu eine ganze Berufsschulklasse hat auf der Anklagebank des Landgerichts Hildesheim Platz zu nehmen.

Elf Schüler der Werner-von-SiemensSchule in Hildesheim sind angeklagt, ihren 17 Jahre alten Mitschüler Dieter-Dennis vom November 2003 bis Ende Januar 2004 gequält und gedemütigt zu haben.

Doch einer der elf Beschuldigten ist gar nicht erst gekommen: Erst am Mittag wird Nils-Georg von Polizeibeamten zwangsweise vorgeführt. Freitzeitmäßig ausstaffiert mit weißer Baseballkappe, Bermuda-Shorts und Turnschuhen betritt der 17-Jährige das Gerichtsgebäude, lässig eine Zigarette rauchend.

Er habe gemeint, der Gerichtstermin sei erst am nächsten Tag, teilt Nils-Georg seinem Verteidiger unbekümmert mit. Für Anwalt Kurt Wöckener ist es die erste Begegnung mit seinem Mandanten. „Ich habe ihn fünfmal angeschrieben, aber er ist nie gekommen“, sagt der Verteidiger. „Er nimmt das alles ganz locker.“ Doch laut Anklage soll auch Nils-Georg seinen Mitschüler geschlagen und getreten haben.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat der Staatsanwalt am Dienstagvormittag die lange Liste der Taten verlesen, die den Jugendlichen vorgehalten werden. Sie sollen Dieter-Dennis gezwungen haben, sich im Blaumann unter die Dusche zu stellen, Zigaretten hinunterzuwürgen und vor der versammelten Klasse zu masturbieren. Sie stülpten ihm einen Plastikeimer über den Kopf und hämmerten mit Stahlrohren darauf ein. Gut zwanzig Minuten dauert die Verlesung der Anklage, die die Schüler mucksmäuschenstill und mit gesenkten Köpfen verfolgen. Alexander hat die Anklageschrift zuvor in russischer Sprache ausgehändigt bekommen. Der 18-jährige Russlanddeutsche, der als Hauptbeschuldigter noch in Untersuchungshaft sitzt, ist erst vor drei Jahren mit seinen Eltern von Sibirien nach Deutschland übergesiedelt und spricht nur gebrochenes Deutsch. „Wer hier drei Jahre in der Hauptschule rumhängt, ohne Deutsch zu lernen, hat natürlich keine Chance“, sagt Alexanders Anwalt Henning Sonnenberg. Wie alle anderen zeigt auch Alexander sich reumütig. „Das war Scheiße“, sagt er. Das ist aber auch schon fast alles. Wie seine elf Anwaltskollegen fordert auch Sonnenberg eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten. Anwälte, Ankläger und der Richter einigten sich gestern auf ein kurzes Verfahren, bei dem bereits Montag in acht Tagen ein Urteil erfolgen könnte. Die Anwälte wollten Druck ausüben angesichts der Tatsache, dass der Vorsitzende Richter am 30. Juni pensioniert wird. Sie drohten, den Prozess in die Länge zu ziehen und womöglich platzen zu lassen.

„Den Tätern hat jedes Unrechtsbewusstsein gefehlt“, sagt der Hamelner Anwalt Roman von Alvensleben, der mit Stanislaw ebenfalls einen Russlanddeutschen vertritt. „Die Verhandlung sollte öffentlich sein, damit aus diesen schlimmen Vorfällen gelernt werden kann“, sagt von Alvensleben. Auch die Freunde der Angeklagten müssen draußen bleiben. Ralf, zum Beispiel, konnte seinem türkischen Freund Tibet nur von weitem zuwinken, als der vorgefahren wurde. „Der war eigentlich nie besonders brutal“, sagt der Malerlehrling, der bereits selbst wegen räuberischer Erpressung eine 19-monatige Bewährungsstrafe kassiert hat. „In meiner Berufsschulklasse werden natürlich auch einige geknechtet“, lässt der 17-Jährige durchblicken. „Aber doch nicht so heftig.“

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