Welt : Schreiben, wie man spricht - In Russland ist man nicht sehr reformfreudig

Elke Windisch

Rechtschreibreform ist in Russland kein Thema. Hierzulande schreibt man, wie man spricht. Außer Eigennamen und Worten am Satzanfang alles klein. Einzige Ausnahme: das sogenannte harte Zeichen, das aussieht wie ein kleines b und, obwohl nicht hörbar, hinter bestimmten Konsonanten am Wortende zu stehen hatte. Zur Vereinfachung wurde es allerdings kurz nach der Oktoberrevolution so gut wie abgeschafft.

Sehr reformfreudig - zumindest in Sachen Orthografie - geben sich indes Moskaus ehemalige Vasallen: besonders in Zentralasien, wo vorwiegend Turksprachen gesprochen werden, die zum Teil erst um die Jahrhundertwende schriftlich kodifiziert wurden. Zunächst mit dem arabischen Alphabet und mit Sonderzeichen aus der alten osttürkischen Schriftsprache Tschagatai, die im Mittelalter "lingua franca" in der Region war. Arabisch gilt jedoch wegen seiner komplizierten Kalligrafie, bei der jeder Buchstabe in Abhängigkeit von seiner Stellung innerhalb des Wortes drei Schreibweisen hat, als nicht unbedingt bildungsfreundlich für Erstklässler, weshalb Kasachstan, Usbekistan, Turkmenien, Kirgisien und die Kaukasusrepublik Aserbaidschan in den 20er Jahren zum lateinischen Alphabet übergingen.

Dabei folgte man im Wesentlichen den Regeln der Sprachreform, die gerade in der kemalistischen Türkei stattgefunden hatte, wo bis zum Ende des Kalifats 1922 ebenfalls Arabisch geschrieben wurde. Das neue lateinische Alphabet bot mit den in Deutschland abgekupferten Umlauten die mit Abstand beste Möglichkeit, das umfangreiche Vokalsystem der türkischen Sprachen adäquat wiederzugeben, und setzte sich daher auch im sowjetischen Mittleren Osten schnell durch.

1940 verfügte Stalin, dessen Fernziel eine einheitliche Nation war, jedoch eine neue Schreibreform. Das lateinische Alphabet wurde durch das kyrillische ersetzt, das sich aufgrund seiner Vokalarmut oft nur mühsam mit Besonderheiten der Nationalsprachen in Übereinstimmung bringen ließ. 1996 kehrten Aserbaidschan und Usbekistan - inzwischen unabhängige Staaten - schließlich wieder zum lateinischen Alphabet zurück. Kirgisien und Kasachstan wollen folgen. Sehr zum Kummer der 40- bis 60-Jährigen, die sich bereits als Neu-Analphabeten fühlen.

Fremdsprachenunterricht wurde an sowjetischen Schulen klein geschrieben, und mit den "europäischen" Buchstaben wissen die meisten daher ebenfalls nichts anzufangen.

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