Welt : Schüsse auf die Polizei

Täter saß schon einmal „lebenslänglich“.

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Augsburg - Rudolf R. und Raimund M., 57 und 59 Jahre alt, werden als Mordangeklagte im Augsburger Landgericht vorgeführt, wie man es bei Prozessen selten erlebt: Die Hände sind gefesselt, die Handschellen nochmals an einem straffen Bauchgurt fixiert, auch Fußfesseln hat ihnen die Polizei angelegt. Zum Prozessauftakt herrscht höchste Sicherheitsstufe im und vor dem Gerichtssaal. R. und M. sollen, so die Anklage, am 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald den 41-jährigen Polizisten Michael Vieth erschossen und eine damals 30-jährige Kollegin verletzt haben. Rudolf R., der in blauer Anstaltskleidung erscheint, kennt sich schon aus mit Verfahren wegen Polizistenmordes. Denn er hat schon einmal einen begangen. 1975 wurde er als damals 19-Jähriger zu lebenslanger Haft verurteilt. Bei einem Überfall, um an Waffen zu gelangen, hatte er einen Polizisten getötet. Nach 20 Jahren Gefängnis wurde er entlassen, nun sitzt er wegen des gleichen Verbrechens wieder auf der Anklagebank. „Mir ist nicht bekannt, dass es in Deutschland schon jemals einen solchen Fall gegeben hat“, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz am Rande der Verhandlung.

Die Tat hatte vor 16 Monaten die ganze Republik schockiert. Nachts auf einem verlassenen Parkplatz am Rande des Waldes wollten die Polizisten die Fahrer eines Motorrades kontrollieren. Die beiden seien, so die Staatsanwaltschaft, gerade mit der Planung eines Raubüberfalles beschäftigt gewesen. Das Motorrad raste davon, es kam zu einer wilden Verfolgungsjagd. Als der Fahrer mit seinem Kompagnon stürzte, wollten die Polizisten die beiden festnehmen. Diese aber eröffneten das Feuer. Michael Vieth trug eine kugelsichere Weste, doch er wurde tödlich in Kopf und Hals getroffen. Er hatte eine Frau und zwei Söhne.

Zwei Monate lang wurde akribisch nach den Tätern gesucht, „Aktenzeichen XY“ bat um Hinweise, es gab Spekulationen über Verbindungen ins Drogenmilieu und ins Ausland. Ein in der Tatnacht in der Nähe abgestelltes Auto mit noch warmem Motor stellte die Verbindung zu Rudolf R. her – der Wagen war auf einen guten Bekannten zugelassen.

Im Gerichtssaal sitzen zwei Männer mit völlig ergrautem Haar und zerfurchten Gesichtern. Fünf Polizisten bilden als Bewachung eine Reihe vor den Zuschauerplätzen. Der ältere, Raimund M., war polizeilich zuvor noch nie aufgefallen. Er leidet stark an Parkinson, sein Oberkörper zuckt die ganze Zeit, der Kopf, die Arme. Beide tragen auch während der Verhandlung Fußfesseln, der Vorsitzende Richter Christoph Wiesner begründet dies mit der Gefährdungslage. M. soll, so wird zumindest auf den Gerichtsfluren gesagt, seine Flucht und die Entführung eines Richters geplant haben, um auch seinen Bruder freizupressen. Rudolf R., der bereits verurteilte Polizistenmörder, verrenkt während der Anklageverlesung immer wieder den Köper und den Kopf, er blickt hinaus aus den großen Fenstern, irgendwo hinauf in den Himmel. Beide sitzen in Einzelhaft, der eine in Straubing, der andere in Landsberg.

Als Rudolf R. vom Gericht das Wort gegeben wird, sagt er zunächst, dass er nichts sagt. Und dann beschimpft er doch die Staatsanwaltschaft. „Es ist müßig, auf diese Grimms Märchen zu reagieren“, sagt er nach der Anklageverlesung. „Der Staatsanwalt soll sich als Schriftsteller betätigen.“ Patrick Guyton

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