Welt : Schuhe sind kein Tick

45 Prozent aller Frauen haben mehr als 25 Paare. Was heißt das schon? Es ist ganz normal

Andreas Oswald

Es fängt ganz harmlos an. Eine Frau geht ganz normal so mal um den Savignyplatz rum spazieren oder in der Gegend um den Hackeschen Markt, kauft ganz normal drei Paar Schuhe ein und der Mann zu Hause kriegt eine Krise. „Schuhtick“ heißt ein gemeines Wort, mit dem ein normaler Vorgang diskreditiert werden soll. Der Begriff wird von Männern verwendet, die ihrerseits nicht selten zu wenige und dafür umso mehr riechende Schuhe haben. Der Begriff „Schuhtick“ musste auch gestern herhalten, als eine Gewis-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift „Laura“ ergab, dass 45 Prozent der deutschen Frauen mehr als 25 Paar Schuhe besitzen. Aber was heißt das eigentlich? Es heißt nichts anderes, als dass es ganz normal ist. Stattdessen wird die Zahl aber falsch interpretiert. „Kein Klischee: Viele Frauen haben einen Schuhtick“, schrieb dpa. „Empirischer Beleg für weiblichen Schuhtick“ schrieb AP. Weitere Ergebnisse der Umfrage: 38 Prozent der Frauen haben 10 bis 25 Paar Schuhe. Nur 17 Prozent haben weniger als 10 Paar. Umgekehrt wird also ein Schuh draus. Wer weniger Schuhe kauft, ist unnormal.

„Ich kaufe mir Schuhe, wenn ich sie sehe, nicht, wenn ich sie brauche“, sagt die 26-jährige Katja. Das hat einen guten Grund: „Wenn ich welche brauche, dann finde ich keine.“ Dieser Satz könnte aus dem Mund von Carrie Bradshaw aus „Sex and the City“ stammen. 30000 Dollar hat sie im Laufe der Jahre in Schuhen angelegt, vor allem in solche von Manolo Blahnik. Ihre Schuh-Manie war Balsam für die Seele der Fernsehzuschauerinnen. Mit dem diskriminierenden Begriff Schuhtick wurde immer all jenen Frauen ein schlechtes Gewissen bereitet, die das Gefühl haben, mehr Schuhe zu haben, als sie eigentlich brauchen. Dabei brauchen sie viele Schuhe. Erstens: Frauen wechseln Röcke und Hosen öfter als Männer. Und zu jedem Rock, zu jedem Kleid, zu jeder Hose braucht die Frau andere Schuhe. Männer brauchen dagegen nur schwarze Schuhe.

Zweitens: Frauen ziehen sich oftmals zu verschiedenen Gelegenheiten um. Zu verschiedenen Gelegenheiten brauchen sie verschiedene Schuhe.

Wer eine Frau fragt, wie viele Schuhe sie hat – das tut man natürlich nicht, aber wenn man es trotzdem tut – dann sagt sie nicht immer die Wahrheit. Die 32 Jahre alte Rachel sagt: „Oh, da müsste ich zählen, na, so um die 20.“ In Wirklichkeit hat sie über 60 Paar.

Daniela ist dagegen ganz offen. „Ich habe ein Abonnement.“ Die Tangotänzerin, die sich mit Jobs über Wasser hält und das Leben auch ohne viel Geld genießt, überweist an ihren Lieblingsschuhladen monatlich 100 Euro. Das ist für sie ein gewaltiger Batzen. Dafür kann sie immer kommen und Schuhe mitnehmen, die ihr gefallen. Deren Preis wird auf ihrem Konto verrechnet. Der Clou für das Schuhgeschäft: Daniela kauft ein Paar für 85 Euro. Bleiben 15 Euro von der Monatsrate übrig. Das kann Daniela nicht stehen lassen und kauft ein zweites Paar. Für 140 Euro. Wenn schon, denn schon. Jetzt hat sie 125 Euro Schulden. Mit der nächsten Rate wird ein Teil davon abbezahlt. Aber sie darf auf Pump weiterkaufen. Und dass sie im Frühjahr drei Neue braucht, ist ja wohl klar. So werden ihre Schulden immer höher und irgendwann wird sie sie bezahlen müssen.

Wie viele Schuhe sie hat? „Oh Gott, die habe ich noch nie gezählt.“ 60 Paar? Sie lacht. „Mehr, viel mehr. Ich habe nämlich einen Schuhtick.“

Sie darf das sagen.

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