Schul-Amoklauf : Splitter einer Schreckenstat

Amoklauf in einer Winnender Schule mit vielen Toten: Ein schwäbisches Städtchen steht unter Schock.

Michael Schlieben

11 Uhr:

Viele Bürger in Winnenden stehen unter Schock und reagierten erst einmal sprachlos auf den Amoklauf. Unmittelbar nach der Bluttat schaltete die Schule ihre Homepage ab. Auch die Stadt Winnenden (selbst die Bibliothek) war und ist online seither nicht mehr zu erreichen.

11:30 Uhr: Die Feuerwehr ist im Großeinsatz, darf aber keine Auskunft rausgeben. Bei ihnen herrsche absolute Nachrichtensperre, sagt ein gehetzter Pressesprecher zu ZEIT ONLINE.

12 Uhr: Marlene Sauer ist Sekretärin des Georg-Büchner-Gymnasiums, 200 Meter von der Albertville-Realschule entfernt. Sie wohnt in der gleichen Straße. An ihrem Fenster sah sie Polizeiautos und Krankenwagen vorbeirasen.

12:10 Uhr: In dem Gymnasium haben viele Schüler Freunde und Bekannte in der nahegelegenen Realschule. Auch die Gymnasiasten stehen unter Hochspannung. Eine offizielle Entwarnung hat es noch nicht gegeben. Keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wo der Täter sich aufhält und wie es am Tatort wirklich aussieht. Bekannt ist nur, dass es Tote gegeben hat. Auch hier im Büchner-Gymnasium wurde der Unterricht abgesagt. Die Lehrer betreuen die Schüler. Alles läuft nach einem Krisenplan, den die Schulen der Stadt vor ein paar Jahren erarbeitet haben.

13 Uhr: Hundert Meter südlich der Albertville-Realschule liegt das Lessing-Gymnasium. Unmittelbar nach dem Attentat wurden alle Schüler in den Klassenräumen verschanzt. Man konnte sich nicht sicher sein, ob Attentäter nicht einfach die Straße herunter läuft und weiterschießt. Die Gymnasiasten bleiben in den Schulzimmern. Im Laufe der kommenden Stunde sollen sie evakuiert werden, sagt die Sekretärin kurzatmig. Im Hintergrund klingeln mehrere Telefone.

14 Uhr: Imme Krauß nimmt das Telefon der Winnender Stadtgemeinde ab. Ihr Mann ist Pfarrer. Er befindet sich jetzt in die Stadthalle, dort wurde die Kommandozentrale errichtet. Hierhin kommen die Angehörigen der Toten, die ihr Mann seelsorgerisch betreuen wird. Frau Krauß ist Lehrerin an der Musikschule. Sie hatte um 10 Uhr zu einer Konferenz im Rathaus. Kurz darauf erfuhr sie, dass ein Amokläufer durch die Innenstadt zieht. Bis 13 Uhr durfte keiner den Sitzungssaal verlassen. Erst als die Nachricht kam, dass der Attentäter tot ist, durften die Musiklehrerinnen wieder auf die Straße. Angst habe sie keine gehabt, sagt Frau Krauß, die Tür sei ja verriegelt gewesen. Wohl aber hatten alle große Sorgen um die eigenen Kinder, die zur Schule gehen.

14:05 Uhr: Pfarrer Reimar Krauss ist einsilbiger als seine Frau. Gerade tagt der Krisenstab, sagt er. Er selbst habe keine Informationen zum Tathergang. Er wolle sich jetzt um die Angehörigen kümmern – und bittet, nicht gestört zu werden.

14:30 Uhr: Auf seiner Flucht passierte der Attentäter die angrenzende psychatrische Klinik. Auch hier erschoss er einen Menschen. Gerd Böhner ist stellvertretender Pflegedirektor. Seine Stimme klingt traurig, aber er hat Verständnis dafür, dass die Medien sich informieren wollen. Die Polizei habe das Klinikum vor einer halben Stunde wieder geräumt, schildert er. Die einzelnen Zimmer zu durchforsten, wie in den Schulen, sei ja nicht mehr nötig gewesen, da der Attentäter ja inzwischen tot sei. Außerdem habe sich das Unglück draußen auf dem Klinkgelände ereignet, nicht im Gebäude. Böhner muss "jetzt weiter arbeiten", wie er sagt. Er bietet an, mit der Betriebsdirektorin zu verbinden. Die habe genauere Infos. Hier ist aber schon seit Stunden besetzt.

15 Uhr: Die Jugendlichen aus Winnenden sind verstört, kein Wunder. Nadescha Arnold ist Vorsitzende der örtlichen Katholischen Jugend. Sie ist in die Kommandozentrale in der Stadthalle geeilt. Sie spricht mit einer Angehörigen eines Opfers. Über das, was alles geschehen sei, sei bislang nur "vage" telefoniert worden. Jetzt ginge es erst einmal darum zu helfen, und Trost zu spenden. - Die Frau von der Mobilen Jugendarbeit würde am Liebsten gleich wieder auflegen. "Ich gebe keine Interviews zur Jugendkultur in Winnenden", sagt sie, vermutlich nicht zum ersten Mal heute.

15:05 Uhr: Die Frau von der Mobilen Jugendarbeit würde am Liebsten gleich wieder auflegen. "Ich gebe keine Interviews zur Jugendkultur in Winnenden", sagt sie, vermutlich nicht zum ersten Mal heute.

15:15 Uhr: Thomas Kienle verkauft Streetboards in Winnenden. Er war die letzten Tage in Barcelona, skaten. Auf dem Rückweg im Auto heute früh traute er seinen Ohren kaum: Ein Amokläufer in meinem Heimatstädtchen? "Das ist schon ziemlich krass", sagt er und atmet laut aus. Normalerweise sei Winnenden ein ruhiger Ort. Es gibt keine Jugendgangs, keine Pöbler an den Bushaltestellen, sagt Kienle. Auch dass die Neonazis in der Region stark seien, wie einige Medien berichten, sei stark übertrieben, sagt er. Als Kienle heute Mittag in Winnenden einfuhr, sah er sofort, was sich etwas verändert hatte. "Es war kein einziger Fußgänger auf der Straße." Auch jetzt, wenn er aus dem Fenster schaut, sei die Straße gespenstisch unbevölkert.

16:20 Uhr: Die Flucht des Amokläufers endete um 13 Uhr in Wendlingen am Neckar vor einem Briefverteilzentrum. Laut Polizei kam der 17-Jährige dort ums Leben, nachdem er das Feuer eröffnet hatte. Ob er sich selbst erschossen hat oder ob er bei dem Schusswechsel ums Leben kam, ist noch unklar. Der Polizeisprecher in Wendlingen sagt nur, dass er gar nichts sagen möchte.

Er müsse jetzt dringend eine Pressemitteilung schreiben; die sei schon längst überfällig, sagt er gestresst. Später oder besser morgen könne man sich wieder melden. Ein Lokaljournalist berichtet, dass ein Großaufgebot der Polizei den Tatort im Wendlinger Industriegebiet weit abgeriegelt habe. Details könne man am Abend auf einer Pressekonferenz erfahren.

Mit freundlicher Genehmigung von ZEIT ONLINE

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